Mittwoch, 6. Juli 2011

Glaube und Vernunft

    „Die experimentelle Vernunft erscheint heute weithin als die einzig wissenschaftlich erklärte Form von Vernünftigkeit. Was nicht experimentell verifiziert oder falsifiziert werden kann, fällt aus dem wissenschaftlichen Bereich heraus. Mit diesem Ansatz ist Großartiges geleistet worden; dass er im Bereich der Erkenntnis der Natur und ihrer Gesetze richtig und notwendig ist, wird niemand im Ernst bestreiten wollen. Aber es gibt eine Grenze dieses Vernunftgebrauchs: Gott ist kein Objekt des menschlichen Experimentierens. Er ist Subjekt, und nur in der Begegnung von Person zu Person zeigt er sich: Dies gehört zum Wesen von Person“.
Diese bemerkenswerten Sätze stammen aus der Rede, die Papst Benedikt XVI anläßlich der erstmaligen Verleihung des "Ratzinger-Preises" (eine Art Theologie-Nobelpreis) am vergangenen Donnerstag im Vatikan hielt.

Nicht selten hörte ich in meinem Leben den Satz, der Glaube sei unvernünftig. Nicht selten traf ich Leute, die bei mir mit positiven Beleidigungen a la "Ich verstehe nicht, warum ein so vernünftiger und intelligenter Mensch wie Du an Gott glauben kann" ein wenig bohren wollten.

Ist die Venunft das Werkzeug, mit dem der Mensch sich hilft, die im Laufe des Lebens gesammelten Sinneseindrücke und das daraus abgeleitete Wissen so zu ordnen, daß der Verstand instinktiv seine Grenzen erkennt, dann sehe ich diese Diskrepanz zwischen Vernunft und Glaube einfach nicht. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt, daß "Vernunft" und "Glaube" ebensowenig Gegensätze sein können, wie "Drei Euro und Fünfunfneunzig Cent" und "Registrierkasse", weil sie zwar in einer bestimmten Konstellation zusammengehören (wie das Geld in die Kasse) aber andererseits so verschieden sind, daß man sie einfach nicht als sich feindlich gegenüberstehende Gewalten verstehen kann.

Theologen tun nichts anderes als alle anderen Wissenschaftler auch: Sie suchen nach der Wahrheit. Vielleicht stellen sich Theologen weniger häufig die Frage "Ist es möglich?" sondern beschränken sich in der Regel auf die Frage "Ist es wahr?". Aber diese Unterschied rechtfertigt keine Abstufung der Theologie gegenüber anderen Wissenschaften. Was dem Physiker die Fragen über die Phänomene der Natur sind, sind dem Theologen die Fragen über das Wesen Gottes. Um diese Fragen zu beantworten, bedienen sich beide ihres Verstandes und ihrer Vernunft.

Sicher: Es mag Leute geben, die den Glauben an Gott als solchen schon für unvernünftig halten, weil sie der Meinung sind, daß Gott nicht existiert und daß der Mensch daher erstens seine Zeit verschwendet, wenn er Theologie betreibt und zweitens zu einer Gefahr für seine Umwelt wird, da er Wahrheiten ableitet, die oft absolut gesetzt werden, aber nur im Glauben angenommen werden können.

Diesen Leuten kann man es durchaus zugestehen, daß sie den Glauben selbst für unvernünftig halten. Aber die Art und Weise, wie Theologen die Fragen, die sich aufgrund des Glaubens auftun, behandeln, ist nicht mehr oder weniger vernünftig als das Vorgehen von Physikern, die Temperaturen messen an Orten, von denen kaum ein Mensch je gehört hat.

Und: Der Theologe und der gläubige Mensch erweist sich genau dann als sehr vernünftig, wenn er erkennt, daß es - wie der Papst sagte - Bereiche gibt, in denen der Vernunftgebrauch an seine Grenzen stößt.

Dort, wo der Atheist sagt "Das gibt es nicht", sagt der gläubige Mensch "Was dieses Phänomen betrift, nähere ich mich lieber als gläubige Person den drei göttlichen Personen, als daß ich Gott hier zu einem sich meinem Verstand entziehenden Objekt mache". Und das ist - weil wir es eben mit Gott als Subjekt zu tun haben - hochvernünftig. Der gläubige Mensch macht von seiner Vernunft auf solche Art Gebrauch, daß es eben nicht zu einer "Selbstherrlichkeit der Verunft" kommt, "die sich zum obersten Richter über alles" macht.

Es gilt also, den Unterschied zu erkennen zwischen einem Hinabdrosseln der Vernunft (das gläubige Menschen manchmal praktizieren) und einem totalen Verzicht auf Vernunft (der gläubigen Menschen oft vorgeworfen wird).

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Zu den Wissenschaften gehören auch jene, in denen die mathematische Art der Beweisführung oft nicht möglich ist. Trotzdem wird ein seriöser Mathematiker (übrigens ein Geisteswissenschaftler, auch wenn wir in der Schule etwas anderes gelernt haben) kaum behaupten, Literaturwissenschaft oder Kunstgeschichte seien "unwissenschaftlich".
Wenn es nun möglich ist, als Wissenschaftler anzuerkennen, wer über die Geschichte der Perspektive in der Malerei schreibt oder über die Entwicklung des Denkens im antiken Griechenland - warum soll man dann jemandem das strukturierte Denken absprechen, der sich mit Kirchengeschichte und theologischen Denkgebäuden beschäftigt? Oder der einfach annimmt, daß es einen Gott gibt, weil er sich die Welt auf diese Weise eher als vernünftiges Gebäude erklären kann denn ohne Gott?

kleinschreiber hat gesagt…

ich hatte einmal ein gespräch mit einem gestandenen professor (informatik), der aus der mathematisch-naturwissenschaftlichen position heraus argumentierte, theologie sei keine wissenschaft. dem habe ich damals entgegnet, das sei sie sehr wohl: viele wissenschaftszweige, die sich der mathematischen beweisführung bedienen, gingen als grundlage von axiomen aus, die nicht beweisbar sind, und das axiom in der theologie sei eben gott. er hat dann erstmal sehr nachdenklich geschaut ... und wir haben das thema gewechselt.

Josef Bordat hat gesagt…

Danke für den Beitrag, Alipius! Ich kann das nur unterstreichen, was Du ausführst, will es aber noch mal schärfen und weiter zuspitzen. Ich denke, dass es ja gerade Ausdruck der Vernunft ist, zu erkennen, wann die Vernunft nicht ausreicht und damit zu erkennen, dass aus unserer begrenzten Vernunft nur in dieser Bescheidenheit Antworten auf manche Fragen möglich sind. Und das ist keine katholische Sondermeinung, sondern eine Position Kants. Es ist damit in gewisser Hinsicht auch die Leistung der Vernunft, gläubig zu sein, und in diesem Sinne eben zu glauben, dass man nicht alles wissen kann, d.h. darauf zu vertrauen, dass sich uns zwischen Empirie und Beliebigkeit ein Raum kluger, verantwortungsvoller (also: vernünftiger) Näherung an Fragen eröffnet, den wir betreten können, gerade weil wir in der Beurteilung der Welt nicht an kausalen Mechanismen klammern.

Und diese "geweitete Vernunft" (Benedikt) hilft uns zu erkennen, wann Devotion angesagt ist und wann Reflexion, wann ich auf Daten setzen muss und wann ich auf Gebet vertrauen kann. Nur instrumentelle Vernunft erkennt das nicht, ist damit aber im vollen Sinne gar keine Vernunft. Etwa zu sagen, es sei unvernünftig, an Gott zu glauben, weil sich Gott nicht im Rahmen dieser instrumentellen Vernunft erfassen lässt, ist gerade selbst unvernünftig, wenn man den Maßstab der geweiteten Vernunft anlegt (was wir übrigens im Alltag alle tun – wir haben gar keine andere Wahl).

Aber das ist dann doch der Clou: Die Engführung der Vernunft entlang des naturwissenschaftlichen Forschungshabitus (Empirie und logische Schlüsse) ist ein Problem *für die Vernunft* selbst! In diesem Sinne hat Spaemann völlig Recht, wenn er sagt, dass es heute nur noch einen Vertreter der Vernunft gibt: den christlichen Glauben. Das klingt ungewohnt, weil wir längst darauf konditioniert sind, den engen Vernunftbegriff für den wahren zu halten (auch wenn er sich vor unserer Erfahrung[sic!] – auch und gerade vor der kollektiven historischen! – als unvernünftig erweist). Wir sollten uns wieder daran gewöhnen und es wirklich ernst nehmen: Vernunft und Glaube gehören untrennbar zusammen. Oder, wie es Verfassungsrichter Udo Di Fabio im Fazit eines Buches ausdrückt, das ich gerade zur Besprechung vorliegen habe: „Vernunft, Aufklärung und Religion bilden einen Dreiklang ohne den keine Harmonie im demokratischen Verfassungsstaat gelingen kann.“

JoBo