Donnerstag, 21. Juli 2011

Dahinschütten...

Hermann Kurzke, Emeritus der Germanistik an der Universität Mainz und Leiter des dortigen Gesangbucharchivs in der FAZ vom 22. April:
    Immer mehr Wörter, Verse, Sätze verfallen dem Tabu, das sie langsam umstrickt wie eine Spinne ihr Opfer. Gleichzeitig wird die Erosion der religiösen Sprache von der Vulgäraufklärung vorangetrieben. Seine Majestät das Ich hat die Herrschaft übernommen; Hochverrat am Ich ist es, „O Herr, ich bin nicht würdig“ zu sagen. Einst war der Herr der Hirte, der Gläubige infolgedessen das Schaf. Jetzt ist der Mensch zwar würdig und mündig, aber ungeborgen. Er kann nicht mehr beten, denn dazu müsste er sein stolzes Ich dahinschütten wie Wasser auf die Stufen des Altars. Das Ergebnis all dieser Blockaden sind Erscheinungen wie die, dass Menschen das Vaterunser im Halse steckenbleibt oder dass sie weinen müssen, wenn in der Matthäuspassion die großen Choräle kommen.

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