Dienstag, 7. Juni 2011

Jesus ja, Christus nein?

Jan Fleischhauer schreibt im SPIEGELonline über den Kirchentag:
    Käßmann ist dabei nur die bekannteste Vertreterin einer Generation von Theologen, die den Auftrag schon immer weniger in der spirituellen Anleitung der Gläubigen, sondern vielmehr im weltlichen "Engagement" sahen, um einen Kernbegriff ihres Amtsverständnisses zu nutzen. Diese Generation, aufgewachsen und politisiert in den siebziger Jahren, fand im Protest gegen die Nachrüstung und den deutschen Atomstaat zusammen, ihre Erweckungsorte sind Mutlangen, Brokdorf und der Bonner Hofgarten.

    Die Folgen der Selbstsäkularisierung sind heute an vielen Gottesdiensten ablesbar. Kaum ein Pastor traut sich noch, ungeniert von Himmel und Hölle zu sprechen, und wenn, dann ist das nur allegorisch gemeint, wie er sich hinzuzufügen beeilt. Stattdessen findet sich in jeder guten Sonntagspredigt die Litanei über den Kriegstreiber Amerika, die Schrecken der Globalisierung, das Elend der Hartz-IV-Empfänger.

    Diese Diesseitsfixierung hat einen für die Kirche unschönen Nebeneffekt: Mit der Verschiebung des Erlösungshorizonts, der sich ganz aufs Heute richtet, setzt sie sich der Konkurrenz zu weltlichen Glaubensorganisationen aus, die dem Bedürfnis nach entschiedenem Handeln sehr viel besser nachkommen können. Warum nicht gleich Mitglied bei Greenpeace, Peta oder Amnesty werden?

Kommentare:

Michael hat gesagt…

Wenn ich mich recht erinnere, nennt der Papst das "Regnozentrik" (gelesen auf dieser Seite) und sieht das Risiko auch in der katholischen Kirche.
Dabei handelt es sich interessanterweise um ein Phänomen, das ich meinen anglikanischen und jüdischen Freunden (aus aller Herren Länder) kaum erklären konnte - man hält es für eine sehr seltsame Tendenz. Ob das nun besonders "deutsch" ist oder eine Auskunft über die Wahl meiner Freunde gibt? Hm. Andere Erfahrungen?

Imrahil hat gesagt…

Ein ganz anderes Problem, das hier sehr deutlich wird, scheint mir dabei ein bißchen übersehen zu werden. Daß sich die Kirche politisch engagieren uneingeschränkt darf und (leider, denn es macht vermutlich eher wenig Spaß) manchmal muß, ist ja eine Selbstverständlichkeit.

Aber, um es einmal so zu formulieren: Der Vorteil darin, sich auf unfehlbar gelehrte Dogmen der Kirche zu konzentrieren, liegt halt darin, daß man nicht darauf Rücksicht nehmen muß, daß die andere Meinung auch richtig sein könnte.

Es ist halt, um es einmal so zu formulieren, weder die Verwerflichkeit der Atomkraft noch seinerzeit der Wiederbewaffnung oder des Nato-Doppelbeschlusses unfehlbarerweise ein Bestandteil der christlichen Botschaft.

Und z. B. ein AKW-Betreiber oder -Ingenieur oder -Arbeiter fühlt sich dann eben nicht viel weniger als exkommuniziert, wenn man solche Dinge predigt.

Anonym hat gesagt…

Warum nicht gleich Mitglied bei Greenpeace, Peta oder Amnesty werden?

... und dafür sonntags ausschlafen?

Zitat des ehemaligen Präses eines freikirchlichen Gemeindebundes: "Eine Kirche, die nur noch das sagt, was alle anderen auch sagen können, macht sich selbst überflüssig".