Sonntag, 5. Juni 2011

Etwas spät...

... die Predigt zum Tage:


Soeben haben wir den Beginn des sogenannten hohenpriesterlichen Gebets gehört, welches Jesus direkt im Anschluß an seine Abschiedsreden zu den Aposteln an den Vater richtet.

Nachdem Christus in langen tröstenden Reden seine Jünger auf den Abschied vorbereitet hat, wendet er sich nun dem Vater zu.

Der Satz „Die Stunde ist da“ markiert gewissermaßen den Übergang von der Vorbereitung auf den Abschied hin zu der Zeit, in der es wirklich kein Zurück mehr gibt. Dies verleiht den Sätzen, die folgen, eine gewisse würdevolle Schwere und einen tiefen Ernst.

Zwei Aussagen dieses Gebetes möchte ich hervorheben. Da ist zunächst der Satz „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“. Und direkt darauf: „Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast“.

In den Abschiedsreden an seine Jünger verhieß Christus denen, die er verlassen wird, den Beistand, den Heiligen Geist. Christus wird gefangen genommen, verurteilt und gekreuzigt und begraben. Er steht von den Toten auf und fährt nach 40 Tagen auf in den Himmel. Aber: Es kommt auch etwas Himmel zu den Menschen auf die Erde, nämlich der Heilige Geist.

Schauen wir uns vor dem Hintergrund dieser Aussagen noch einmal den ersten Satz an: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“.

Eine der Gaben des Heiligen Geistes ist die Gabe der Erkenntnis.

Wenn Christus seinen Jüngern den Beistand verheißt und ihnen dann sagt, das ewige Leben bestehe darin, Gott und Jesus Christus zu erkennen, dann tut er damit zwei Dinge:

Er sagt den Jüngern, daß es einen Beistand gibt, der bei der Erkenntnis Gottes hilft. Und er gibt ihnen eine Idee davon, was das ewige Leben ist.

Mitnichten handelt es sich nämlich bei diesem ewigen Leben ausschließlich um ein Leben, das sich im Himmel ereignet und nie endet. Es handelt sich dabei ebenfalls um ein Leben, welches neben einer ewigen Dauer auch eine besondere Qualität besitzt, eine Qualität, die sich schon während unseres irdischen Lebens ausbilden kann und soll.

Denn sonst würde Jesus nicht sagen „Das ist das ewige Leben: Dich, den einzig Wahren Gott zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hat“. Sondern er würde sagen: „Dich, den einzig wahren Gott und Jesus Christus, den du gesandt hast, erkannt zu haben und in den Himmel aufgenommen zu werden“.

Das ewige Leben beginnt, wenn wir Gott erkennen. Denn wenn wir dies tun, dann werden wir ein Leben führen, das ganz ist und erfüllt. Dann werden wir Leben in Fülle haben.

Wie aber erkennen wir Gott? Indem wir auf Christus schauen. Er sagt ja selbst oft, daß er im Vater ist und der Vater in ihm. Und er sagt in dem zweiten Satz, den ich eben hervorhob: „Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast“.

Christus handelt im Auftrag des Vaters. Weil aber Christus nicht nur Befehlsempfänger und Vollstrecker ist sondern zugleich auch Gott, haben wir durch unseren Blick auf ihn unmittelbaren Zugang zum Vater.

Mehr noch: Wenn wir es Christus gleich tun und ebenfalls das Werk zu Ende führen, welches uns aufgetragen ist, dann werden wir ebenso wie Christus für ewige Zeiten in Gott sein.

Das Werk aber, das uns aufgetragen ist, ist die Liebe. Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten. Mit „Liebe“ ist allerdings nicht ein mehr oder weniger verbindliches „Ich hab dich irgendwie gerne“ gemeint, sondern – erneut – das Erkennen, von dem eben die Rede war.

„Erkennen“ ist biblisch für „Erfassen mit dem Verstand, mit allen Sinnen, mit Herz und mit Seele, mit der ganzen Person und dem ganzen Leben“. Nicht umsonst wird auch die geschlechtliche Vereinigung von Mann und Frau als „Erkennen“ bezeichnet.

Wie aber lässt sich nun eine solch innige Vereinigung mit Gott herstellen? Schauen wir wieder auf Jesus, so haben wir bereits die Antwort: Im Gebet! Jesus war ein großer Beter, der oft die Einsamkeit suchte, um sich mit innigen Worten an den Vater zu wenden.

Es genügt somit nicht, zu sagen: „Ja, okay, Gott existiert. Das glaube ich“. Zu einer wirklichen, auf wahrem „Erkennen“ beruhenden Vereinigung mit Gott gehört das Gebet.

Man stelle sich einmal vor, daß jemand einen Menschen, den er liebt, erkennt, dann „Ah, da bist du ja!“ sagt, sich auf dem Absatz herumdreht und davongeht. Das wäre nicht wirklich normal und zielführend.

Zu einer innigen Beziehung mit Gott gehört das Gebet, so wie zu einer liebenden, ehelichen Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau der Geschlechtsakt gehört. Denn ebenso, wie der Geschlechtsakt das kleine Wunder eines neuen irdischen Lebens hervorbringt, so bringt das Gebet das Wunder des ewigen Lebens hervor, des Lebens in Fülle.

Daher möchte ich alle dazu ermutigen, sich wie Jesus immer und immer wieder im Gebet vertrauensvoll an den Vater zu wenden. Schließlich sagt Jesus in seinen Abschiedsreden auch folgenden Satz: „Alles, um was ihr den Vater in meinem Namen bittet, will ich tun, damit der Vater im Sohne verherrlicht wird“.

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