Montag, 27. Juni 2011

Dünnes Eis

Michael Schmidt-Salomon verteidigt die Preisveleihung an Peter Singer:
    Würde ich von Peter Singer nur dieses eine, immer wieder zitierte Spiegel-Interview aus dem Jahre 2001 kennen, hätte ich ganz bestimmt nicht zugestimmt, ihn mit einem Ethik-Preis auszuzeichnen. Allerdings gibt dieses Interview Singers Positionen streckenweise nur sehr verzerrt wieder – während der Anfang des Interviews in Ordnung ist, ist der Schluss geradezu ein Musterbeispiel für schlechten bzw. politisch manipulativen Journalismus.
Wenn beim Interview nicht vorformulierte Antworten unter Androhung von Gewalt aus Singer herausgeholt wurden und wenn darüberhinaus die Leute beim SPIEGEL Singers Statements nicht einfach nach dem Interview ein wenig frisiert haben, dann kann es nicht das Interview sondern höchstens Singer selbst sein, der seine eigenen Ansichten höchst verzerrt wiedergibt. Dies - zugegeben - im Rahmen eines Interviews. Singer scheint mir aber in diesem Interview seine Positionen durchaus klar und unverzerrt darzulegen.

Schmidt-Salomon weiter:
    Es stimmt, dass Peter Singer in den 1980er Jahren – im Rekurs auf frühere Modelle in verschiedenen Kulturen – vorschlug, Säuglinge bis 28 Tage nach der Geburt nicht als volle Rechtspersonen zu behandeln. Unter bestimmten Bedingungen wäre es somit Eltern möglich, schwerstgeschädigte Neugeborene zu töten, ohne deshalb angeklagt zu werden. Philosophisch begründet wurde dieser Vorschlag mit der unbestreitbaren Tatsache, dass Säuglinge in diesem Alter (ob behindert oder nichtbehindert!) noch keine „Personen im empirischen Sinn“ sind, da sie noch nicht über ein Bewusstsein ihrer selbst verfügen, die Zukunft noch nicht antizipieren können etc...
Einschub: Hier muß ich einfach einen alten Gedanken, den ich auch auf am römsten schon mal veröffentlicht habe, einfließen lassen:

"Jeder ganz normale, durchschnittliche Mensch versteht ganz genau, was Abtreibung ist. Und jedes ganz normale, durchschnittliche Gewissen erkennt, daß Abtreibung falsch ist. Es muß also der Verstand rechtfertigen, was nicht zu rechtfertigen ist. Also wird an dem Leben im Mutterleib herumdefiniert, was das Zeug hält. Ist es ein Mensch? Ist es eine Person? Empfindet es Schmerz? Ab wann kann es außerhalb des Mutterleibes überleben? Und so weiter, und so fort... Das fortschrittliche, aufgeklärte, wissenschaftliche Hirn bietet ein paar Tricks an, mit denen das Gewissen sich selbst betrügen kann. Das, was nicht zu rechtfertigen ist, muß aus dem Weg geräumt werden. Es wird in kleine Päckchen hineinrationalisiert, welche dann mit Labels wie "Pro Choice" oder "Mein Bauch gehört mir" oder "Das war noch keine Person" etc versehen werden. Jeder ganz normale, durchschnittliche Mensch versteht ganz genau, was Abtreibung ist. Die moderne Erziehung ist dabei, den gesunden Menschenverstand wegzuerklären."

Ich mag da zuviel hineinlesen, aber klingt es nicht, als zünde Schmidt-Salomon hier die nächste Stufe und als zeige er zumindest keine große Gegenwehr, wenn es darum geht, Mord innerhalb von vier Wochen nach der Geburt mit gewissensberuhigenden "War noch keine Person"-Tricks zu rechtfertigen?

Weiter im Text:
    ... Spätestens 1993 (siehe die deutsche Ausgabe von „Muss dieses Kind am Leben bleiben?“) revidierte Singer jedoch diesen Vorschlag (mit dem er unerträgliches Leid durch das langsame Sterbelassen schwerstgeschädigter Neugeborener im Zeitalter der Gerätemedizin mindern wollte!).
Das liest sich im immerhin acht Jahre nach der Revision aber nicht so eindeutig:
    SPIEGEL: Sie koppeln also das Lebensrecht, das höchste aller menschlichen Rechte, an einen Zeitpunkt, den Sie allenfalls sehr vage benennen können?

    Singer: Die menschliche Entwicklung ist ein gradueller Prozess. Da wäre es doch sehr seltsam, wenn dieses Recht ganz plötzlich auftauchen würde. Etwas ganz anderes ist es natürlich, dieses Recht juristisch festzulegen. Da brauchen Sie eine scharfe Trennungslinie.

    SPIEGEL: Und wo soll man die ziehen?

    Singer: Da können Sie sehr unterschiedlich argumentieren. Sie können sagen: Ethisch ist es zwar nicht plausibel, einem Neugeborenen die vollen Rechte zuzusprechen, aber wir entscheiden uns trotzdem dafür, weil die Geburt eine so schön klare Trennungslinie ist. Das ist durchaus eine Möglichkeit ...

    SPIEGEL: ... aber nicht die, die Sie bevorzugen?

    Singer: Ich habe einmal den Vorschlag gemacht, eine Phase von 28 Tagen nach der Geburt festzusetzen, nach der dann das volle Lebensrecht erst in Kraft tritt. Das ist zwar ein sehr willkürlicher Zeitpunkt, den wir einer Idee aus dem antiken Griechenland entlehnt haben. Aber es würde den Eltern Zeit für ihre Entscheidungen geben.

    SPIEGEL: Das heißt, so lange sollen Eltern ihr Kind töten dürfen, einfach nur, weil sie es eben nicht wollen?

    Singer: Das hängt von den Umständen ab. In allen entwickelten Ländern ist die Nachfrage nach halbwegs gesunden Kindern zur Adoption wesentlich größer als das Angebot. Warum also sollten sie ein Kind töten, wenn es Eltern gibt, die es gern adoptieren würden?

    SPIEGEL: Und nicht "halbwegs gesunde" Kinder lässt man dann eben sterben?

    Singer: Das mag sich fundamental unterscheiden von unserer offiziellen christlichen Ethik. Aber in vielen anderen Kulturen wird es keineswegs als grausam betrachtet. Im antiken Griechenland wurde ein Kind erst nach 28 Tagen in die Gesellschaft aufgenommen - vorher durfte man es in den Bergen aussetzen. In Japan war es lange völlig normal, Kinder zu töten, wenn Geburten zu dicht aufeinander folgten.
Also so richtig überzeugt von Schmidt-Salomons Aussage, Singer sei "einer der klarsten und mitfühlendsten Denker unserer Zeit", bin ich nicht.

Schmidt-Salomon hätte nicht zugestimmt, Peter Singer mit einem Ethik-Preis auszuzeichnen, hätte er nur das Interview aus dem Jahre 2001 gekannt. Das Interview steht allerdings, also muß der SPIEGEL diskreditiert oder das Interview entschärft bzw "im Kontext seiner [Singers] sonstigen Veröffentlichungen" gesehen werden. Was, wenn man nun die sonstigen Veröffentlichungen auch mal im Kontext des Interviews betrachtet?

Kommentare:

Klemens hat gesagt…

da fehlen mir echt die Worte... wie kann man ausgerechnet Peter Singer einen Ethik-Preis verleihen?

für mich ist Singer ganz klar ein Verbrecher gegen die Menschenrechte, wenn er "Postnatale Abtreibung" gutheißt und deren Brisanz auch noch runterspielt.

Tiberius hat gesagt…

Ach, Singer!

Wie viele egenwartsphilosophen scheuen eigentlich nicht den "performativen Widerspruch", sprich, haben die Eier, die von ihnen zubereitete Suppe auch selbst auszulöffeln?

Wollen nicht alle geistigen Brandstifter am Ende einfach nur mal so gedacht haben? Was für ein Mißverständnis, hören wir dann, wie hätte man den auch nur ahnen können, daß jemand kommt und meine geistigen Pirouetten in die Tat umsetzt?

Johannes hat gesagt…

Ach es ist doch immer schön zu lesen, wohin unsere evolutionär-humanistischen Ethiker hin wollen: in das vorchristliche Zeitalter als man Frauen noch verstoßen und Kinder noch töten durfte. Ich stelle jedenfalls schon seit Jahrzehnten meine rechtsphilosophischen Nackenhaaren wenn einer anfängt vom Humanismus der griechisch-römischen Epoche zu schwärmen. Lassen wir es doch einfach so stehen. Paßt doch: PID, PND, Aussetzung, Euthanasie, von vor der Wiege bis vor der Bahre alles wird ausgemerzt, was nicht dem Ideal des allzeit funktionierenden, das Bruttosozialprodukt steigernden Supermenschen entspricht. Ob Schmidt-Salomon und Singer sich darüber Gedanken machen, daß sie in dieser Tapferen Neuen Welt dereinst selbst über die Klinge springen werden? Wer mag schon alte, sabbernde Atheisten, die dement sicher noch viel unerträglicher sein werden, als sie jetzt schon sind?

Yon hat gesagt…

Ah, ich hab doch erst kürzlich noch was über den gelesen:
http://www.firstthings.com/onthesquare/2011/06/the-dangerous-mind-of-peter-singer

curioustraveller hat gesagt…

In dem Interview von 2001 dachte ich noch: Wenigstens ein Atheist, der den Atheismus mal konsequent zuende denkt.

Trotzdem: Ein Ethikpreis für Singer wäre in etwa so treffend und angemessen wie ein Friedensnobelpreis für Kim-Jong-Il.

Anonym hat gesagt…

Als Nicht-Gräzist weiß ich ja nicht genau, welche Bedeutungen in dem Wort "Ethik" alle enthalten sind. "Ethiken" hat es ja schon zu Zeiten des noch blühenden Heidentums gegeben, siehe Aristoteles. Und auch wenn da wunderbare Anweisungen für das richtige und verantwortbare Handeln drin stehen, sind zur gleichen Zeit überall in der Alten Welt unerwünschte Neugeborene ausgesetzt, unerwünschte Frauen verstoßen, unerwünschte Kranke (mal mehr, mal weniger gnädig) zu Tode gebracht worden. Für Sklaven und für diejenigen, die zum Tod verurteilt waren und sich nicht einen ehrenvolleren Tod verdient hatten, war der Schandpfahl - das Kreuz -reserviert. Sich Gladiatorenspiele anzuschauen war sicher auch ethisch oder zumindest gesamtgesellschaftlich vertretbar - erst Seneca hat sich meines Wissens dagegen ausgesprochen.

Insofern ist ja Herr Singer mitsamt seinem Preis in bester Gesellschaft. Wir dürfen nur nicht vergessen, daß seine Ethik nicht unsere Ethik sein sollte ...

Pompous Ass

Le Penseur hat gesagt…

@Don Alipio:

Ihr Am-Römsten-Zitat wird bei mir "Zitat der Woche"!

(auch auf die "Gefahr" hin, daß einige meiner ultralibertären Leser in verständnisloses Geschnatter über meinen Geisteszustand ausbrechen. Wer jedoch — wie ich — die Freiheit des Einzelnen als höchstes Gut verteidigt, dem müßte m.E. auch klar sein, daß eine fast immer selbstverursachte temporäre Freiheitsbeschränkung kein legitimer Grund ist, die künftige Freiheit eines anderen definitiv durch seine Tötung einzuschränken)

Anonym hat gesagt…

Zu Singer selbst will ich gar nichts sagen, denn wenn ich zu diesem Herrn (eigentlich ist der Ausdruck für so einen ja schon zu respektvoll) den Mund aufmache, häufen sich die Verbalinjurien mit einem Schlag gewaltig und wie heißt es schon in der Schrift: »Ecce quantus ignis quam magnam silvam incendit!« (Iac III,5).
Eines sei allerdings angemerkt: Solche Gedankengebäude, wie dieser Mensch sie fabriziert, sind eine reine Todesphilosophie, die teilweise wirkt, als hätte sie ihm der Leibhaftige selbst in die Feder diktiert.
Trotzdem muss man zu Schmidt-Salomon noch einiges anmerken: »Es steht unzweifelhaft fest«, daß es sich bei einem geborenen, menschlichen Kleinkind um keine Person handelt? Bitte wie? Wo steht denn das »unzweifelhaft fest«, außer, in Schmidt-Salomons kleiner Phantasiewelt? Ja was versteht er denn überhaupt unter »Person«? Wir haben haufenweise Personenbegriffe aus verschiedenen Epochen, verschiedenen Kulturen, ja, wie man sieht, auch in ein und derselben Epoche und Kultur, finden sich mehr oder weniger differierende Begriffe. Der nächste Punkt ist dann der, daß tatsächlich »unzweifelhaft feststeht«, daß es sich ab der Befruchtung um einen MENSCHEN handelt – das ist ein Faktum der Biologie! Hierzu möge doch erst einmal gezeigt werden, weswegen zum Beispiel ein juristischer, rein positiver Begriff der Person, überhaupt irgendeine Rolle dafür spielen soll, wenn es um den moralischen Status dieses Menschen geht? Singers Zweck- und Nützlichkeitspinnereien tragen dazu überhaupt gar nichts bei – und wie hier schon, m. E. zu Recht, angemerkt wurde, fragt man sich doch, ob Singer nicht irgendwann, nach seinen eigenen Standards, um die Ecke gebracht würde; eine Philosophie zu vertreten, nach der man unter Umständen selbst einmal dran wäre, halte ich für gänzlich defekt.
Erwähnen sollte man in diesem Zusammenhang vielleicht auch einmal etwas, was tatsächlich als ein günstiger Ansatzpunkt für den viel beschworenen »interreligiösen Dialog« dienen könnte und zeigt, was wohl für die weit überwiegende Zahl der Menschen weltweit wirklich feststeht: Im traditionellen Buddhismus (davon seien also verwestlichte, eurobuddhistische Formen ausgenommen, die wohl zum größten Teil von Linksliberalen und vereinzelt auch von GB-Atheisten praktiziert werden) ist man natürlich ein Mensch ab der Befruchtung. Ab dann verfügt man über eine Art Selbst bzw. eine Seele – wobei das im Buddhismus nicht, wie hier, substanziell, sondern prozessoral und eher illusionär gedacht wird, aber das ist für die Frage der Moral einmal gleichgültig – und ist eine schützenswertes Lebewesen. Abtreibung wurde grundsätzlich als Mord angesehen, auch, wenn man sich immer wieder um Ausreden und exculpierende Konstrukte bemühte (zum Beispiel speziell auch im alten Japan – im modernen geht es diesbezüglich ohnehin sehr arg zu), so war doch das immer die eigentliche, offizielle Position zu dieser Frage. Hätte sich die Atheistenbande mal lieber am atheistischen Buddhismus orientiert, der bereits zu einer Zeit zu einer echten Humanisierung Indiens, Mittel- und Ostasiens – zumindest in dieser Hinsicht – beigetragen hat, als in Europa die Heiden, die sie sich scheinbar zum Vorbild nahmen, ihre Kinder immer noch ermordeten …