Montag, 27. Juni 2011

Das Christus-Korsett

Das "Korsett eines ökumenewidrigen Aktes" welches die Seligsprechung der 1943 in Hamburg unter dem Fallbeil hingerichteten katholischen Kapläne Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller nach Meinung eine Autors von evangelisch.de darstellt, wurde zwar bei Elsa schon gebührend gewürdigt, aber die Formulierung ist so groß, daß auch ich nicht dran vorbeikomme.

Mit den drei katholischen Priestern wurde der evangelische Pfarrer Karl Friedrich Stellbrink hingerichtet. Für ihn fand im Rahmen der Feier ein "ehrendes Gedenken" statt.

Für meinen Geschmack findet man das "Bingo!"-Zitat des Artikels auf evangelisch.de gleich am Ende des einleitenden Absatzes:
    Obwohl die Seligsprechung das Miteinander der Konfessionen nicht erleichtert, beflügelt sie die gemeinsame Erinnerung an die vier Lübecker Märtyrer.
Wenn man sich beiderseits einig ist, daß Ökumene nicht wolkenkuckucksheimelige Gleichmacherei bedeuten darf, sondern nur Gemeinsamkeit trotz Verschiedenheit, dann war doch gerade die Seligsprechung aufgrund der Einbeziehung des protestantischen Märtyrers ein Ereignis, welches das Miteinander der Konfessionen erleichtert.

Wann könnte mehr Miteinander entstehen, als zu dem Zeitpunkt, an dem Katholiken und Protestanten gemeinsam ihrer Blutzeugen gedenken, welche wiederum selbst gemeinsam in den Tod gingen, weil sie Christus folgten?

Wann ist es leichter, über trennende Gräben hinweg sich die Hand zu reichen, als zu dem Zeitpunkt, da man gemeinsam anerkennt, daß Männer, die sich von Christus führen ließen und dem Führer dabei eine lange Nase drehten, zum Stachel im Fleisch der Mächtigen wurden, der so klein war und doch so unangenehm, daß man ihn nicht nur entfernen, sondern in eifersüchtiger Angst vor der Wahrheit auch gleich vernichten mußte?

Wann ist es weniger angebracht, Kardinal Kaspers Satz "Das Christentum ist keine Wellness-Religion" nicht auf genau diese Situation der vier Männer zu beziehen, sondern ihn als Kritik am Protestantismus zu verstehen?

Wann könnte eine Auflistung von "Stilfragen" (Warum trug Kardinal Kasper des Primizgewand eines der Ermordeten? Warum wurde gleich nach der Seligsprechung um die Fürsprache der Kapläne gebeten?) kleinlicher und erbsenzählender wirken?

Im Artikel heißt es:
    Protestanten und Katholiken haben eine Chance verpasst, mit der Ökumene ernst zu machen.
Ist das wirklich so? Oder soll es den Leuten auf evangelisch.de nur eingeredet werden?

Die Kapläne sind nicht selig, weil die Kirche sie selig gesprochen hat. Sie sind selig, weil Christus sie erwählt hat und sie ein eindeutiges "Ja!" sprachen. Wenn dieser Ruf nun auch an Pastor Stellbrink erging und er diesem Ruf konsequent folgte, dann habe ich in genau dieser Konstellation alle Ökumene, die ich brauche. Dann habe ich eine Zuversicht, die mich zu genau diesem Zeitpunkt über Fragen wie Tiara oder Beffchen, Benedikt oder Käßmann, Rom oder Wittenberg hinwegsehen und das durch den schmalen Schlitz eines Vorhanges fallende Licht der Gnade und der Erlösung erkennen läßt.

Warum dieses so rare und kostbare Licht nun durch fragwürdige Analysen wieder verdunkelt werden soll, das ist mir schleierhaft.

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Zur Zeit sind Protestantens in Sachen Rumnölen wieder Weltmeister. Markus Dröge nimmt miesepetrig am Papstgottesdienst in Berlin teil und beschwert sich darüber, daß Protestanten nicht zur Hl. Kommunion dürfen. Ökumene heißt - so mein Eindruck - evangelisch werden.

Anonym hat gesagt…

Mir scheint dem Autor geht es darum, daß durch die Kanonisierung (sagt man das so?) der seligen Kapläne, also den Amtsakt an sich, die drei Katholiken vom Protestanten in der Wahrnehmung getrennt werden. Allein durch diesen Akt werden sie quasi auseinandergerissen. Die Frage scheint also zu sein: Warum hat man nicht auf die Seligsprechung (selig sind sie eh) verzichtet zu Gunsten einer wie auch immer gefassten Erinnerungskultur, die für beide Konfessionen zugänglich ist? Protestanten rufen nun mal keine Seligen um Fürsprache an, sondern wenden sich stets direkt an Gott. In einer gemeinsamen Form wäre es dann möglich gewesen, die Einheit der Kirche in der Würdigung der Aufrichtigkeit der Geistlichen gegen die Nazis gemeinsam sichtbar zu machen. So sind es aber zwei getrennte Gruppen: Die seligen Kapläne und der Pastor, der auch dabei war.

Eine Frage hätte ich, die nicht so provokant gemeint ist wie sie klingt, sondern ehrlichem Interesse entspringt: Angenommen, Stellbrink hat den gleichen Ruf Christi erhalten und gena so deutlich ja gesagt: Wäre das ausreichend, um ihn würdig zu erachten, in der katholischen Messe die Eucharistie zu empfangen? Der Grund für die Frage ist, daß ich noch nicht ganz verstehe, worin genau der Hinderungsgrund liegt an der gemeinsamen Eucharistie, ob an der Anerkennung der apostolischen Sukzession oder ob für die Protestanten angenommen wird, daß sie diesen Ruf Christi eben nicht erhalten und ja gesagt haben.

Alipius hat gesagt…

@ anonym: Genau das meine ich ja mit "Gemeinsamkeit trotz Verschiedenheit": Die Feier war eine Gelegenheit, über die Verschiedenheiten (Anrufung von Seligen) hinwegzusehen und sich am Gemeinsamen (Martyrium für Christus) zu erfreuen. Leider haben aber offenbar nicht alle diese Gelegenheit wahrgenommen (wahrnehmen wollen).

Zur anderen Frage: Der Empfänger eines Sakramentes muß lebendig und getauft sein und er muß die Absicht haben, daß Sakrament - und zwar das Sakrament als das, was die Kirche darunter versteht - zu empfangen. Diese spirituelle Bereitschaft verursacht und verdient nicht die Gnade des Sakraments, sondern dient dazu, die Hindernisse des Eintretens dieser Gnade in die Seele zu beseitigen. Sie ist somit eine Bedingung aber nicht die Ursache der Gande, ebenso wie das Öffnen einer Türe die Bedingung für das Betreten eines Raumes ist aber nicht alleine schon das Betreten des Raumes verursacht. Ein Protestant kann somit nur die Eucharistie empfangen, wenn er unter Eucharistie genau das versteht, was die Kirche lehrt, und in der Eucharistie genau das sieht, was sie ist: Leib und Blut Christi. Ist dies der Fall, stellt sich die Frage, warum dieser Christ Protestant ist und nicht Katholik, da die Eucharistie immerhin Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens ist.

Stanislaus hat gesagt…

@ Anonym: Im wesentlichen kann ich mich Alipius anschließen, möchte aber noch hinzufügen, daß die von Dir gemeinte Absicht möglicherweise nicht die des Autors gewesen ist, der selbst hinter dem Tragen des Meßgewandes und einem Appell Kardinal Kaspers jeweils einen antiprotestantischen Affront sieht. Wenn es allein nur um die von Dir gestellte Frage ginge, könnte man vielleicht noch sachlich diskutieren, aber so ...

Stellen wir uns am Ende die Frage, ob Pfr. Stellbrink und die drei katholischen Kapläne jemals auf die Idee gekommen wären, bei aller Gemeinsamkeit in der Haltung gegen die nationalsozialistische Staatsobrigkeit gemeinsam Eucharistie mit Interkommunion zu feiern etwa in Stile eines Gotthold Hasenhüttl etc.

Anonym hat gesagt…

Genau das ist es. Als gläubiger Katholik glaube ich, daß Christus in der konsekrierten Hostie real gegenwärtig ist. Wenn ein Protestant das entgegen protestantischer Lehre auch glaubt, könnte er kommunizieren. Er müßte sich dann allerdings fragen, wieso er nicht katholisch ist.

Stanislaus hat gesagt…

Nun ja, da würde ein Lutheraner zumindest während des Gottesdienstes noch zustimmen. Ich würde sagen (wie ich das gestern ausgeführt habe): Wer am Ende des Eucharistischen Hochgebets, in welchem die Verbundenheit mit der gesamten Hierarchie der Kirche zum Ausdruck kommt, aus voller Überzeugung "Amen" sagt, der ist recht disponiert für den Empfang und sollte sich als Nichtkatholik entsprechende Frage gefallen lassen. Aber auch Katholiken sollten sich die Frage stellen, ob sie noch im "richtigen Laden" sind.

Anonym hat gesagt…

Hallo nochmal (zur Orientierung, ich bin der obere "Anonym"),

erst mal vielen Dank für die Erklärung.
Was mich bei den evangelisch.de Artikel geärgert hat war die angeblich gegen Protestanten gerichtete Aussage, die evangelischen Kirchen wären "angepasstes Kulturchristentum" und "Wellness Religion". Sowas, wo es tatsächlich gesagt wird, verärgert, kommt einem vor wie von oben herab. Nun wurde diese Behauptung des Autors mehrfach in Zweifel gezogen und ich frage mich inzwischen, wieso der Autor eine so andere Wahrnehmung hatte (hatte er?) als die anderen Protestanten vor Ort, die ganz andere Dinge sagten.
Soviel zu dem Artikel.

Zur Frage der Eucharistie: Wenn es "nur" das ist, Brot und Wein als Leib und Blut Christi zu verstehen, sagt die lutherische Lehre nichts anderes aus. Lediglich die aristotelische Formulierung wird abgelehnt. Ach ich als dezidierter Nichtlutheraner (ich bin uniert) verstehe Brot und Wein durchaus als Leib und Blut des Herrn, keine Frage. Das bringt mich zur protestantischen "Lehre": Schon für die Lutheraner gilt, und je reformierter desto mehr ist es zutreffend, daß es sowas wie eine "Lehre" im katholischen Sinn nicht gibt. Es gibt natürlich ein Bekenntnis zu Christus, aber kein auf ewig in Worten festgeschriebenes Lehrgebäude. Sprich: Als Protestant glaube ich das, was der Herr mir offenbart, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. (Luther in Worms)
So kann ich als Protestant durchaus sagen, daß die Tradition eine Rolle spielt im Glauben und die Schrift nicht alleine steht. Auf der anderen Seite sage ich dann aber auch: Was Tradition ist legt für mich weder Papst noch sonst ein Bischof noch Konzil fest. Nicht, weil ich so aufmüpfig wäre, sondern weil ich selbst vor Gott stehen werde und Rechenschaft geben muß, und da möchte ich aus meinem Gewissen Rechenschaft geben und mich nicht auf die Lehren anderer Menschen verlassen.
Das zeigt dann vielleicht auch, daß es noch einige Gründe mehr gibt, nicht katholisch zu sein, auch wenn man in der Eucharistie gar nicht so weit auseinanderliegt. Aber so ist es ja auch bei den Orthodoxen, die auch keine Katholiken sind. Und bei den Anglikanern müßte man auch nochmal nachsehen, was die so glauben in Bezug auf die Eucharistie.

Alipius hat gesagt…

@ anonym: Also, die Aussagen ("angepasstes Kulturchristentum" und "Wellness Religion") stammen zwar von Kardinal Kasper, aber sie waren sicherlich nicht in Richtung der Protestanten gesprochen, und daß man sie als Kritik am Protestantismus verstehen kann, den Gedanken hat der Autor des Artikels hineingebracht.

Es ist eben ein gewaltiges "Nur" zwischen Transsubstantiation und sakramentalischer Vereinigung oder Konsubstantiation oder...

Immerhin "Nur" genug, um zu einer großen Spaltung der Christenheit beizutragen.

Und - ohne jetzt böse klingen zu wollen: Ich kann an einem schlechten Tag auch eine Autobatterie als Kofferradio verstehen. Aber wenigstens bei der Eucharistie geht es für mich weniger darum, als was ich Brot und Wein verstehe, sondern was sie nach der Konsekration sind.

Für mich sind sowohl Lehramt als auch Tradition übrigens gute Gründe, katholisch zu bleiben, denn wenn mir weder Papst noch Konzilien sagen, was Tradition ist und wenn nicht wenigstens Teile der Lehre auf ewig in Worten festgeschrieben sind, dann laufe ich vielleicht Gefahr, am Ende Christus für mich selbst zu dolmetschen und mir seine Worte zurechtzubiegen, bis sie (mir) passen. Ich bin ja letztlich auch aus freiem Willen und mit gutem Gewissen katholisch, also sind wir gewissensmäßig wohl auch nicht so weit auseinander.

Anonym hat gesagt…

"sind wir gewissensmäßig wohl auch nicht so weit auseinander."
Denk ich auch. Auf Denken und sein und Konsbstantiation etc geh ich jetzt lieber mal nicht ein, wird lang und führt zu nichts, denn ich werde der Transsubstantiation nicht zustimmen und Du wirst nicht zustimmen, wenn es nicht mehr deckungsgleich mit der Transsubstantiation ist. Ist auch in Ordnung so, nach menschenermessen kommt es eh nie zm gemeinsamen Abendmahl (um mal unseren Begriff zu benutzen ;)).
Ich verstehe durchaus was Du an Lehramt und Tradition schätzt. Das Problem des selbstgezimmerten Glaubens ohne daß da irgendwo der Herr noch wirklich vorkommt, ist ja durchaus gegeben. Mir bleibt da nur der Heilige Geist, die Schrift und die Gemeinde als Korrektiven, durchaus auch Einwürfe aus anderen Teilen der Weltchristenheit, schließlich und endlich sind wir ja doch alle EIN Leib in Christo. Die Gefahr ist natürlich, daß nichts fest steht und ich jederzeit verloren gehen kann. Gegen die Angst hilft beten und es ist ja nicht so, daß Gott nicht antworten würde.