Mittwoch, 18. Mai 2011

"Schwul - na und?"

So las man gestern auf einem der Plakate, welche die laut Bericht eines Augenzeugen schätzungsweise 200 (laut eigenem Bericht bis zu 500) größtenteils jugendlichen Teilnehmer zu einer Solidaritäts-Kundgebung für den schwulen Theologen David Berger mitgebracht hatten. Das "Bündnis 17. Mai" (internationaler Tag gegen "Homophobie") hatte geladen und - naja - fast alle kamen... Uns Uta hat es sich jedenfalls nicht nehmen lassen.

Joachim Kardinal Meisner hatte Berger, der am Liblarer Ville-Gymnasium unterrichtet, die Lehrerlaubnis für das Fach Religion entzogen, "weil er nicht mehr glaubwürdig für eine Kirche eintreten kann, die er gleichzeitig attackiert", so Bistumssprecher Christoph Heckeley.

Ein Sprecher des Bündnisses: "Unser Protest richtet sich nicht nur gegen die Entscheidung Kardinal Meisners, sondern vor allem auch gegen die alltägliche Diskriminierung von Schwulen und Lesben."

Es ist selbstverständlich vollkommen okay, an der Entscheidung des Kardinals etwas auszusetzen zu haben. Es ist ebenso völlig okay, gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben zu protestieren. Das Bild wird allerdings verzerrt, wenn man beides in einen Topf wirft und den Eindruck zu erwecken versucht, Berger sei nur deswegen geschaßt worden, weil er schwul ist.

Richtig ist: Berger hat als aus dem Blickwinkel des Homosexuellen die Kirche kritisiert und den Boden solider katholischer Lehre verlassen. Somit hat er beim Kardinal an Vertrauen eingebüßt. Und daher hat der Kardinal ihm die Lehrerlaubnis entzogen. Dazu wäre es auch gekommen, hätte Berger sich als Heterosexueller auf vergleichbare Art gegen die Kirche und ihre Lehre geäußert.

Der primitive Gedankengang "Der ist schwul! Also kann mit dem irgendetwas nicht stimmen!" wird auf nicht weniger primitive Weise in seinen nicht weniger unstimmigen Gegenpart verwandelt, wenn man einfach nur sagt "Der ist schwul! Somit muß derjenige, der etwas gegen ihn unternimmt, automatisch im Unrecht sein!"

Bei allem Verständnis für die Sympathie, die Schüler einem guten Lehrer entgegenbringen, muß ich trotzdem noch kurz ansprechen, wie einfach man sich in den Reihen der Fans die Welt in "gute" (Diskriminierung streng verboten) und "böse" (Darf man schon mal drüber herziehen) Gruppen aufteilt. Auf dem Blog, welches für den 17. Mai eingerichtet wurde, heißt es:
    Immerhin behauptet die Kirche nun David Berger sei nicht wegen seiner Homosexualität aus seinem Beruf gedrängt worden. Dass weder wir noch ihr das glauben haben wir ja heute schon entschlossen gezeigt! Die Kirche merkt offenbar garnicht, wie lächerlich und falsch sie – auch jetzt noch – argumentiert!
What the WTF? Die Aussage, Berger sei nicht wegen seiner Homosexualität "aus dem Beruf gedrängt" worden, ist kein Argument, sondern eben nur eine Aussage. Aber mal angenommen, es handle sich um ein "Argument": Was sollen denn dann "Das glauben wir aber nicht!" oder "Ihr macht euch lächerlich!" für Argumente sein?

Kommentare:

Schwester Ursula - Initiata hat gesagt…

Kein weltlicher Chef würde so etwas ohne angemessene Sanktionen auf sich sitzen lassen; auch in diesem Kontext ist Kardinal Meisners Re-Aktion angemessen:

Auszüge aus einem Interview Bergers mit dem Schwulen-Magazin FRESH:

"Frage: Warum macht sich ein Papst überhaupt Gedanken über schwule Stricher?

Berger: Weil der Papst sich permanent mit dem Thema Homosexualität beschäftigt. Eines seiner ersten offiziellen Dokumente als Papst von 2005 war das Verbot von homosexuell veranlagten Priestern. Das Dokument betrachtet homosexuelle Priester als Gefahrenpotential, selbst wenn sie zölibatär leben. Diese Problemlage könnte man natürlich auch psychologisch hinterfragen.

Frage: Lässt das nicht Rückschlüsse auf ein mögliches Projektionsverhalten zu?

Berger: Wenn man sich mit Theologen privat unterhält, dann sagen fast alle: Natürlich ist Ratzinger homosexuell veranlagt. Er kommt aus einer kirchlich geprägten Kultur, in der das ein absolutes Tabu ist. Was er bei sich hasst, projiziert er auf andere und bekämpft es. Und das kann er jetzt als Papst mit offiziellen Dokumenten machen.

Frage: Wäre es überraschend, wenn Dokumente ans Licht kämen, die frühere homosexuelle Kontakte Ratzingers belegen?

Berger: Diese Dokumente soll es nach Aussagen einer renommierten Vatikanistin (Valeska von Roques, Anm. d. Red.) geben, die mir persönlich Ausschnitte und Zitate vorgelegt hat. Sie belegen angeblich, dass der Papst noch in seiner Zeit als Kardinal in Rom regelmäßig homosexuelle Kontakte gepflegt hat. Es sind Aussagen von Schweizer Gardisten und anderen im Vatikan tätigen Leuten."

Quelle: http://www.fresh-magazin.de/fresh_april_2011.pdf

Nach solchen Äußerungen war Herr Berger nun wirklich nicht mehr als Lehrvertreter der Kirche zu halten! -

Der Mann ist doch hoffentlich nicht auch noch Priester oder etwa doch ???

Alipius hat gesagt…

Nee, der ist kein Priester. Das Interview ist ein klassisches Beispiel für einen Menschen, der sich nur über seine Sexualität definiert und dies dann auf andere projiziert.

Gregor hat gesagt…

Ein Zusammenleben in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft, und erst recht in einer homosexuellen, wäre aber auch ohne diese Äußerungen ein Grund zum Entzug der missio.

Richtlinien für die Erteilung der kirchlichen Unterrichtserlaubnis und der Missio canonica für Lehrkräfte mit der Facultas „Katholische Religionslehre“, Nr. 6 b: "Kriterien für eine Verleihung der Missio canonica:
...
Die Religionslehrerin bzw. der Religionslehrer beachtet katholische Grundsätze in der persönlichen Lebensführung."

Dazu erklärt etwa das Bistum Münster eindeutig: "Ein eheähnliches Zusammenleben ohne kirchliche Trauung ist mit den Grundsätzen der Lehre der Kirche nicht vereinbar."

Ebenso stellt es nach der Grundordnung des kirchlichen Dienstes im Rahmen kirchlicher Arbeitsverhältnisse einen Kündigungsgrund dar.

Sir Thomas Morus hat gesagt…

Dem "Bündnis 17. Mai" geht es doch nicht wirklich um die Frage, ob Berger wegen seiner Homosexualität entlassen wurde oder nicht; es m u ß einfach so gewesen sein, weil das die Propaganda von der überall wütenden Homophobie bestätigt.
Außerdem: Zu jeder guten Propaganda gehört ein Feindbild - und wer eignet sich dafür besser als die katholische Kirche im Allgemeinen und Kardinal Meisner im Besonderen.
Ich glaube, viele Menschen (incl. Journalisten) schlagen sich allein schon deshalb auf die Seite des Bündnisses, weil es gegen die katholische Kirche geht.

feline hat gesagt…

Genau dieses Thema hatten wir im Bibelkreis....
Dabei fiel mir ein:
Jeder Angegestellte im öffentlichen Dienst muss ein Gelöbnis vor Dienstantritt ablegen, welches schriftlich festgehalten wird und verspricht die Wahrung der Demokratie und deren Gesetzte.
Jemand der dann z.B. an einer Veranstaltung der NPD teilnehmen würde, wäre dann wohl sehr schnell seinen Job los)

http://www.der-oeffentliche-dienst.de/themen/angestellte.php?loadid=13

feline hat gesagt…

Ach ja und dann gibt es noch eine Redewendung die bereits im Mittelalter eine gewisse Haltung gegenüber dem Dienstgeber nahelegte.

http://www.swr.de/blog/1000antworten/antwort/1248/woher-kommt-die-redewendung-wes-brot-ich-ess-des-lied-ich-sing/