Sonntag, 29. Mai 2011

Nachprimiz-Predigt

Ich komme soeben von der Nachprimiz in der Pfarre Donaufeld zurück (Schöne Grüße nochmals an alle Leser aus Donaufeld! Danke für Eure/Ihre Unterstützung und Gebete!). Ich wurde nach der Messe gebeten, meine Predigt auf Klosterneuburger Marginalien zu parken, weil der oder die Eine oder Andere sie sich nochmals durchlesen möchte. Da lasse ich mich natürlich nicht lumpen...


Im heutigen Evangelium wird das Versprechen des Heiligen Geistes, des Beistandes, des Geistes der Wahrheit, eingerahmt von dem Gedanken einer an Gebote gebundenen Liebe: "Wenn Ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten" und "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt"

Das ist insofern von Bedeutung, weil in unserer Zeit das Wort "Liebe" so oft und mit so vielen Bedeutungen und Konnotationen gebraucht wird, während man das Wort "Gebot" eher skeptisch betrachtet.

Fast könnte man sagen, daß in der heutigen Zeit das Wort "Liebe" beinahe als Gegensatz betrachtet wird von dem, was "Gebot" bedeutet.

Wenn Menschen eine gewohnheitsmäßig ausgeübte Praxis, einen Lebensstil oder eine konkrete Tat rechtfertigen wollen, weil diese Praxis, dieser Lebensstil, diese Tat einem der Gebote unseres Glaubens widersprechen, so wird nicht selten Zuflucht zur "Liebe" genommen: "Am wichtigsten ist doch, daß man sich liebt!" – "Ich habe es doch aus Liebe getan!"

Aber es geht auch anders herum. Wie oft schon vernahm ich – übrigens häufiger von Laien als von Priestern – Sätze, in denen ein "Gebot" der Kirche kühl mit einem Verweis auf die Todsünde oder die Hölle als nicht verhandelbares, sich dem breiten Feld der Gnade (und somit der göttlichen Liebe) entziehendes Axiom hingestellt werden soll. Da kann man selbst als Priester, der treu und aufrecht zur Kirche steht, schon mal von übereifrigen Gläubigen in die Nähe eines Kirchenzerstörers oder Glaubensverneiners gerückt werden, nur weil man es wagt, sich ein paar halblaute Gedanken zu einem Problem, wie z.B. dem der wiederverheirateten Geschiedenen, zu machen.

Der scheinbare Widerspruch zwischen zwei Extremen – der Liebe, die keine Gebote mehr benötigt und dem Gebot, welches die Liebe erstickt – wird im heutigen Evangelium aufgehoben.

Zu Beginn heißt es: "Wenn Ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten" - Weil wir lieben, sind wir bereit und befähigt, Gebote zu halten!

Am Ende heißt es: "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt" - Weil wir Gebote halten, sind wir bereit und befähigt, zu lieben!

Jetzt mag man sich vielleicht fragen, was denn nun zuerst kommt: Die Liebe oder das Gebot?

Ich möchte die Frage anders stellen: Woher kommt überhaupt dieser innige Zusammenhang zwischen Gebot und Liebe?

Nun, wer in dieser Woche die Lesungen der Heiligen Messe verfolgt hat, der wird festgestellt haben, daß das Thema "Gebot und Liebe" sich wie ein roter Faden durch die vergangenen Tage zog. Vor zwei Tagen hörten wir diesen Satz: "Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe."

Und hier erkennen wir den Zusammenhang zwischen Liebe und Gebot: Die Liebe ist Inhalt des Gebotes, sie ist das Gebot.

Verstärkt wird dieser Gedanke durch eine berühmte Stelle im Markus-Evangelium. Jesus wird nach dem wichtigsten Gebot gefragt und er antwortet: "Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden."

Das eine Gebot ist in Wirklichkeit ein Doppelgebot der Liebe: Liebe Gott und liebe den Nächsten wie dich selbst!

Uns ist nichts anderen aufgetragen, als die Liebe. Nämlich die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten. Sind diese beiden Bedingungen und Gebote erfüllt, folgt der Rest praktisch auf dem Fuße. Lieben wir Gott, so halten wir uns an die drei ersten der 10 Gebote. Lieben wir den Nächsten, so halten wir uns an die letzten sieben Gebote.

Es kann also nicht von einem Widerspruch zwischen Liebe und Gebot die Rede sein. Im Gegenteil: Wer die Evangelien der letzten Tage aufmerksam liest, der stellt fest, daß Liebe und Gebot keine unüberbrückbaren, weit voneinander getrennten Gegensätze darstellen, sondern ein aufeinander hin geordnetes, sich gegenseitig regulierendes Paar bilden.

Denn so wie die Liebe ohne die Grenzen bestimmter Gebote zu einem Egoismus verkümmert, der nur auf Erfüllung kurzfristig auftauchender Bedürfnisse schielt, ebenso verkümmern Gebote ohne Liebe zu kalten Formeln, die nicht helfend die Richtung weisen, sondern drohend die Strafe in den Mittelpunkt stellen.

So wie Christus im Vater ist, so wie wir in Christus sind und er in uns, so müssen sich Gebot und Liebe gegenseitig durchdringen.

Nur, wenn wir auf das Gebot der Gottesliebe hören, können wir den Nächsten und uns selbst lieben. Nur, wenn wir Gott und den Nächsten und uns selbst lieben, können wir die Gebote unseres Glaubens frei und freudig leben.

Wenn es uns gelingt, so zu leben, dann sind wir offen für die Gaben des uns ebenfalls im heutigen Evangelium verheißenen und gesandten Heiligen Geistes. Dann sind wir offen für die Gnade, die Gott uns unablässig hinhält.

Kommentare:

MiriamJM hat gesagt…

Glückliche Donaufelder;-)
Nein, im Ernst, vielen Dank für diese Predigt. War wieder mal sehr schön. Es stimmt schon, Seine Joch drückt nicht und Seine Last ist leicht und man ist ja auch in einer menschlichen Beziehung bereit um der Liebe willen so einiges auf sich zu nehmen. Das ist doch auch nicht so anders als die Gebote Gottes aus Liebe zu halten. (Just my 2 cents)

Aber was ganz anderes... eine kleine Bitte: bei meinem Vater wurde letzte Woche reichlich plötzlich ein Geschwulst (ein Tumor?) in der Lunge diagnostiziert und jetzt bangen wir alle vor den kommenden Untersuchungen und einer eventuellen Operation. Könnten Sie ihn bitte, bitte, in Ihr Gebet mit aufnehmen? Und es vielleich an ein paar weitersagen? Es würde mich sehr erleichtern, zu wissen, dass da noch welche mitbeten; vor allem da meine Mutter sich seit einiger Zeit damit ziemlich schwer tut. Vielen, vielen Dank im Voraus.

Alipius hat gesagt…

@ MiriamJM: Ja, der Gebetswunsch wird selbstverständlich erledigt. Ich werde es auch an die Blogoezese weitergeben: Je mehr, desto besser!

Peter hat gesagt…

Vielen Dank, Herr Alipius für die heutige Hl. Messe, den Primizsegen und natürlich die Predigt zum nochmalinallerruhenachlesen!
Ja, glückliche Donaufelder sind wir tatsächlich...

Liebe Miriam, wir sind im Gebet für Ihren Vater verbunden - viel Kraft und Segen!

Peter

Charlotte hat gesagt…

"Das eine Gebot ist in Wirklichkeit ein Doppelgebot der Liebe: Liebe Gott und liebe den Nächsten wie dich selbst!"

Ist es nicht ein dreifaches Gebot?
Sich selbst zu lieben, ist ja auch nicht immer selbstverständlich.

Miriam, im Gebet natürlich dabei...

Josef Bordat hat gesagt…

Liebe Miriam,
ich werde für Ihren Vater und für Sie beten. Ich wünsche Ihrer Familie alles Gute und Gottes Segen!

Lieber Alipius,
sehr schöne Predigt, die ich erst entdeckte, als ich meine Gedanken dazu beisammen hatte. Wenn man noch die Betrachtung von „Braut des Lammes“ hinzuzieht (http://brautdeslammes.blogspot.com/2011/05/6-sonntag-der-osterzeit-parakletos-der.html) , zeigt sich, wie unterschiedlich man an diese Stelle herangehen kann und wie zielsicher dann doch wieder die verschiedenen Ausdeutungen aus allen Richtungen auf das pfingstliche Zentrum des christlichen Glaubens hinauslaufen: Leben im Geist, lieben im Geist.

LG, Josef