Samstag, 21. Mai 2011

Liebe in den Zeiten der Cholera

Ich wußte immer, daß ich eines Tages Priester sein werde. Denn ich hatte eine Kirche, die mir diesen Weg vorgezeichnet und ausgeschildert hat. Hier ein kleiner Pfeil in die richtige Richtung, dort ein Stop-Schild, dort ein Zeichen, das vor einer Einbahnstraße warnt. Da konnte ich den Weg frohen Mutes gehen und unterwegs auch ruhig mal trödeln oder einen kleinen Umweg machen. Daß ich ans Ziel gelangen würde, das wußte ich immer.

Heute kommt es mir so vor, als begibt sich der Berufene nicht auf einen gut ausgeschilderten Pfad, sondern in einen Zeichenwald, in dem tausend Wege zu Dutzenden von Zielen führen. Die Kirche - so, wie sie die Priester an- und aufnehmen will - ist selbstverständlich immer noch eines dieser Ziele. Aber wieviel Orientierungssinn ist notwendig, damit man auch wirklich dort landet und nicht im Gasthof zur gendergemainstreamten Vielfalt oder im Hotel St. Ego oder in der Cafeteria zum seligen Dialog?

Während das Bakterium vibrio cholerae ecclesiasticae momentan vielerorts für Durchfall und Erbrechen sorgt, bin ich wahrscheinlich nicht der Einzige, der - mit Mundschutz und skeptischem Blick auf jeden Becher angebotenen Wassers - durch die Gegend stapft und den Lobpreis des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes singt. Die selige Gottesmutter Maria ist mir dabei grade im Mai natürlich eine wonnespendende Begleiterin. Das Werk des Schöpfers animiert zu weiteren Jubelgesängen, und wenn es ganz dicke kommt, dann kann ich mich zwischen einem im Vorübergehen eingefangenen Lächeln, einem mit Geduld und Kunstfertigkeit vorgetragenen Amselgesang und dem Duftcocktail diverser bunt-prunkender Blüten manchmal des Eindruckes nicht erwehren, daß der Flügel eines Engels meine Wange streift.

Prall ist das Herz von Liebe, und es ist nicht immer leicht, zu wissen, wohin damit. Gebe ich Küßchen auf die Stirne und sage "Das ist schon alles gut, so, wie ihr das macht" oder verteile ich Watschen und sage "Ihr könnte es jetzt nicht verstehen, aber in ein paar Jahren werdet ihr mir dafür danken"? Klar: Wie so oft im Leben bietet sich auch hier ein nicht allzu schmaler Mittelweg an.

Nur eine kleine Furcht befällt mich hin und wieder: Wenn ich in 10-20 Jahren zurückblicke und denke 'Hättet man diese auf dem Wege nicht mit unnützen Schildern verwirrt, sondern ihnen die Ruhe gelassen, die auch mir vergönnt war, dann wäre aus der Berufung vielleicht etwas geworden' - das ginge mir schon gewaltig auf den Senkel.

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