Dienstag, 31. Mai 2011

Austritt

Georg Schwikart ist aus der katholischen Kirche ausgetreten und will künftig in der evangelischen Kirchengemeinde Hangelar als Pastor im Ehrenamt arbeiten. Der Buchautor, Journalist und Übersetzer und Beinahe-Diakon wird nun noch durch seinen Status als einer der bekanntesten Konvertiten in Deutschland weitere Schlagzeilen und Zeitungsspalten füllen.

Als buchstabensalatverstärkend mag die Tatsache wirken, daß Kardinal Meisner die Rolle des Buhmannes spielen darf. Aber auch ohne den Kölner Erzbischof hätte Schwikart früher oder später eine gewaltige Entscheidung treffen müssen. Die etwas befremdliche "Wenn ich mein Amt hier nicht kriege, gehe ich eben dort hin"-Attitüde, die nun in den Medien durchscheint, kann kaum alleiniger Anlaß für die Konversion sein.

Aus der Sicht des Betroffenen stellt sich die Situation so dar:
    "Als selbst denkender Schriftsteller erlag ich allerdings doch der Naivität, ich könnte mit meiner Haltung in einem Amt der katholischen Kirche mithelfen, diese Kirche zu erneuern."
Na ja... Definiere "Haltung" und "erneuern". Ich leide nämlich an der gleichen Naivität, welche zwar nicht auf eine ganz so hoch hängende Frucht schielt (wär' schon froh, wenn ich die Gläubigenanzahl stabil halten oder vielleicht sogar irgendwann einmal einen Heimkehrer wieder aufnehmen könnte), aber auch mit den Worten "Kirche", "mithelfen" und "erneuern" operiert. Trotz meiner Naivität fehlte mir aber auch schon vor meinem Eintritt in Klosterneuburg jegliche Lust, aus der Kirche auszutreten.

Wie kam es bei Schwikart zum Bruch? Im vergangenen Jahr hatte er gemeinsam mit Uwe Birnstein das Buch "Evangelisch? Never! / Katholisch? Never!" veröffentlicht, in welchem jeder der beiden Autoren auf die Kirche des Anderen schaut, "mit ironischem Augenzwinkern" den "ökumenischen Alltag" ausleuchtet und dabei "einen sicheren Blick für das geliebte Vorurteil und die eigene Selbsttäuschung" beweist.

Eine Selbsttäuschung war es sicherlich, zu glauben, man könnte so einfach die Aufhebung des Zölibats und die Ordination von Frauen fordern, um dann bei Kardinal Meisner anzuklopfen und zu sagen "Einmal Diakon-Weihe, bitte!"

Immerhin ist Schwikart ja Theologe. Somit sollte ihm auch eines der ungeschriebenen aber ehernen Gesetze im Konflikt mit dem Magisterium bekannt sein: Wenn du anderer Meinung bist, dann schreib' kein Buch, sondern rede mit dem Bischof, der Kurie, dem Papst. Wenn die deine Fragen nicht zu deiner vollkommenen Zufriedenheit beantworten und deine Bedenken nicht völlig zerstreuen können, dann gönne dir eine Zeit der Ruhe und des Gebets und bedenke dabei, daß du nicht der einzige Theologe in diesem Disput bist. Denn in der Regel sitzen in den Ordinariaten und in den Kongregationen keine Maschinenschlosser. Wenn dann letztlich die private Theologie - egal wie gut gemeint und fundiert unterlegt - der allgemeinen Theologie des Magisteriums entgegensteht, dann ist es an der Zeit einen von zwei richtigen Wegen einzuschlagen: Den des Gehorsams oder den der Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.

Nicht ganz so ehrlich wirkt es, wenn ich nun in einem ZEIT-Artikel über Schwikart folgenden von ihm geäußerten Satz lese:
    "Wenn die katholische Kirche meint, Frauen die Weihe verbieten zu können und damit im Namen Gottes zu sprechen, ist dies eine Anmaßung, die ich nicht mehr aushalte."
Das stößt mir sauer auf, weil Schwikart es immerhin noch lange genug aushielt, um seine private Theologie auf Papier drucken zu lassen und gleichzeitig das Amt des Diakons anzustreben. Daß da einfach nur die Naivität eines selbst denkenden Schriftstellers verantwortlich sein soll... Naja...

Man kann es sich mit der ganzen Geschichte sehr einfach machen, wie z.B. Schwikarts protestantischer Mitautor Uwe Birnstein auf seinem Blog:
    In das „Herzlich willkommen“, das ich Georg Schwikart als Protestant entgegen rufe, mischt sich Enttäuschung darüber, dass die katholische Kirche noch autoritärer, unbelehrbarer, desolater und verletzender ist, als wir uns in unserem Buch getraut hätten zu schreiben. Seit Reformationszeiten hat sich wahrlich wenig verändert: Der katholischen Kirche geht es nicht um den Glauben, sondern allein um Macht. Um sie zu stützen, greift sie bis heute zum Instrument der Inquisition.
Diese Breitseite hat echte Klasse, beschwert sich Birnstein doch noch wenige Zeilen vorher über die
    ... Querelen, die ihm [Schwikart] die katholische Kirche wegen eines Ökumene(!)-Buches gemacht hat,...
Ökumene = Von der katholischen Kirche fordern, und wenn die nicht will, dann eben über die katholische Kirche schimpfen.

Man kann die Geschichte aber auch auf die weniger leichte Schulter nehmen und sich fragen, was eigentlich genau in der heutigen Zeit "Katholisch-Sein" bedeutet, und was es bedeuten soll.

Zumindest die Ereignisse mit und um Schwikart (und davor das Gemache und Getue um den Papstbesuch in Deutschland) haben mir gezeigt, daß Protestanten leider denkbar schlechte Ansprechpartner sind, wenn es um die Beantwortung dieser Frage geht (mit einer Entschuldigung an all jene protestantischen Leser, die sich nun angesprochen fühlen, sich aber eigentlich nicht angesprochen fühlen sollten).

Da wir ja nunmal in Deutschland zwei große christliche Kirchen haben, die sich durch ein unterschiedliches Verständnis in vielen Bereichen stark voneinander abheben, lautet meine Antwort auf den Mitgliederschwund, an welchem beide zu leiden haben, jedenfalls nicht: "Komm, wir machen's wie die Anderen"

Wer auf Erden Katholik ist und bleiben will, der muß früher oder später lernen, auf eine 2000-jährige Tradition zu vertrauen und auf einen Papst, der nicht ganz zu Unrecht "Oberhirte" genannt wird. Wer Katholik ist und bleiben will, der muß lernen, in der Kirche nicht ein finsteres Strukturengeflecht zu sehen, welches nur dem Machterhalt dient, sondern eine gut geölte Maschine, gestiftet von unserem Herrn und zusammengeschustert von Heiligen, zu dem Zweck, daß sogar Deppen, Sünder und auch selbst denkende Schriftsteller sie bedienen können, ohne sie zu zerstören.

Wer aus einer solchen Kirche austritt, der hat entweder zuviel Angst oder zuviel Hybris.

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Ist genau mein Reden. Das Geschreibe der MSM über diesem Fall wirkt da wie glatte Heuchelei.

Anonym hat gesagt…

Zu Schweikart kann ich nichts sagen, weil ich ihn nicht kenne. Aber wenn man weiß, dass Birnstein auch ein Autor ist, die pietistisch geprägte und evangelikale Christen (auch innerhalb der evangelischen Landeskirche), also die, die es mit der Bibel und ihrem Glauben im Alltag ernst nehmen, anschießt und diffamiert (z.B. in diversen Fernsehsendungen), dann wird sein Ökumeneverständnis deutlich:

"Ökumene ist, wenn alle das machen, was ich will".

Kann man getrost zu den Akten legen.

Josef Bordat hat gesagt…

"Wer Katholik ist und bleiben will, der muß lernen, in der Kirche nicht ein finsteres Strukturengeflecht zu sehen, welches nur dem Machterhalt dient, sondern eine gut geölte Maschine, gestiftet von unserem Herrn und zusammengeschustert von Heiligen, zu dem Zweck, daß sogar Deppen, Sünder und auch selbst denkende Schriftsteller sie bedienen können, ohne sie zu zerstören."

So ist es. - Und da ich mich in der Reihe der potentiellen Maschinenfehlbenutzer gleich (mind.) doppelt erwähnt finde, habe ich diese Feststellung gleich mal als Zitat des Tages auf mein Blog übertragen.

LG, JoBo

Alipius hat gesagt…

@ curioustraveller: Danke für die Zusatz-Info!

@ Josef: Oh, danke!

thysus hat gesagt…

Ob nicht einige Maschinenschlosser in den Ordinariaten diesen vielleicht ganz gut täten..?

Anonym hat gesagt…

„Die Weihen der Häretiker sind aufs Geratewohl leichtfertig und ohne Bestand. Bald stellen sie Neophythen an, bald an die Welt gefesselte, bald unsere Apostaten, um die Leute durch die Ehre an sich zu ketten, da sie es durch Wahrheit nicht vermögen. Nirgends gibt es leichtere Beförderung als im Lager der Rebellen, wo bloß sich aufzuhalten schon als Verdienst gilt. Und so ist denn heute der eine Bischof, morgen der andere, heute ist jemand Diakon und morgen Lektor, heute einer Priester und morgen Laie. Denn sie tragen die priesterlichen Verrichtungen auch Laien auf.“ (Tertullian, Praescr. 41)