Freitag, 1. April 2011

Vorzüglich!

Ein gewaltiger Vorteil der Blogoezese: Man wird Jahre später auf Perlen aufmerksam gemacht, die einem damals entgangen sind.

So erinnert Elsa heute z.B. an ein paar Sätze des bayerischen Kabarettisten und Liedermachers Georg Ringsgwandl, die im September 2006 bei Scipio gepostet wurden. Der ebenfalls bei Scipio verlinkte Original-Artikel aus der SZ von damals ist offenbar nicht mehr online abrufbar (oder wenn, wahrscheinlich nur mit Archivzugang oder so). Ringsgwandl damals:
    Das Einzige, was mich zurzeit noch daran hindert, wieder in die katholische Kirche einzutreten, sind die eingedeutschten Messen und das renovierte Vaterunser. Der Text, den ich noch gelernt hatte, war in einer unantastbaren Sprache abgefasst, auf einer literarischen Höhe, die jedem sofort vermittelte, hier radebrecht kein reformfreudiger Studienrat, hier spricht Gott. Kann sich jemand vorstellen, dass Gott in der Nähe ist, wenn, wie kürzlich bei einer Kindstaufe, eine Pfarrerin in Kurzhaarfrisur Lieder der Rolf-Zuckowski-Machart zur verstimmten Wandergitarre singt?
Den Rest gibt's bei Elsa. Oder eben bei Scipio, der damals im Kommentarbereich auch gleich eine Lesehilfe für den brachialen Stil mitreichte:
    Wenn so eine öffentliche (Kunst-)Person sich ernsthaft zu existentiellen, religiösen Dingen äußert (und ich denke, das macht er hier schon), dann ist es kein schlechter Kunstgriff, so zu schreiben, wie er's tut: plakativ, schillernd, mit Übertreibungen, Beispielen, Erinnerungen gewürzt. A bisserl wie der Harald Schmidt.
[UPDATE: Leser Imrahil hat geforscht und gefunden: Der Artikel ist abrufbar über die SZ-Suchfunktion, einfach Ringsgwandl eingeben und nach unten durchscrollen. Danke, Imrahil!]

Kommentare:

Imrahil hat gesagt…

Der Artikel ist abrufbar über die SZ-Suchfunktion, einfach Ringsgwandl eingeben und nach unten durchscrollen.

Matthias R. hat gesagt…

Mich haben aus dem ursprünglichen Text (übrigens: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/aussenansicht-sakra-ratzl-spatzl-ist-das-dein-ernst-1.853674) vor allem zwei andere Stellen berührt:

und

Mein Onkel Alois Ringsgwandl kam als Kind einer ledigen Bauernmagd auf die Welt. Dafür machten die bigotten Dörfler seiner Mutter das Leben zur Hölle. Verzweifelt ging sie als Hausmädchen nach Südtirol. Ein paar Jahre später starb sie an der Schwindsucht.

Von wegen Wertschätzung des ungeborenen Lebens, nicht mal das geborene wurde geachtet.



Warum etwas Ironisches über den Papst singen, wenn zur gleichen Zeit Teenager um ein Autogramm von Paris Hilton betteln, wenn Zehntausende zu Robbie Williams pilgern oder in die Depeche Mode-Kirche gehen? Das mag alles ganz lustig sein, aber wohin sollen die Hässlichen, Verlassenen, Armen und Kranken?

Bei den Popstars ist kein Platz für sie, aber die Kirche nimmt sie auf. Es war ein bemerkenswertes Zeichen, als Millionen junge Menschen dem von Alter und Krankheit gebeugten Johannes Paul II. die Ehre erwiesen."


Beides so wahr ...

Matthias

Imrahil hat gesagt…

Wobei ich mal vermute, daß die Beschuldigung von Bigotterie, also falscher Religiösität, so zumindest nicht in der statistischen Mehrzahl zutreffen dürfte.

Das unheilsschwangere Gered der Leut ist nämlich nicht unbedingt bigott, auch wenn die gleichen Leut treue Kirchgänger sind. Ich meine das bitteschön nicht im Sinne von "die Sünde ist nie christlich usw.", was eine Selbstverständlichkeit ist, sondern einfach daß man schon unterscheiden muß, was ist da jetzt die Religiosität (und wenn es eine falsch verstandene ist), und was ist der totalitäre Druck der Nachbarschaft.

Gerade die, die damals als fromm verschrien waren, haben auch solche Bauernmägde eingestellt.

Matthias R. hat gesagt…

@Imrahil
Die guten, die wirklich liebenden Menschen gibt es, aber selten.
Die Bauernmagd ist da nur ein Symptom. Die Frau, die ihr Kind hat abtreiben lassen auch. Natürlich sorgen wir uns - zurecht! - um das ungeborene Leben. Natürlich versuchen wir - zurecht! - es zu schützen. Wenn uns das aber nicht gelingt, wenn wir die werdende Mutter nicht erreichen können, das Kind schon tot ist, was dann? Wer denkt an die Frauen, deren Seele schon weit von Gott weg sein muss, daß sie überhaupt daran denken abzutreiben? Wer denkt an die Verletzungen die das Töten ihres Kindes ihren Seelen und - ob sie es wahr haben wollen oder nicht - ihren Psychen zufügt? Die meisten Abtreibungsgegner, denen ich bisher begegnet bin, sind sehr schnell mit einem Urteil und tief in mir drinnen merke ich bin ich es auch und das ist menschlich. Doch steht uns ein Urteil nicht zu. Wir sollen nicht menschlich sein, sondern christlich und damit göttlich. Christus hat die Sünde nie gutgeheissen, aber er hat sie verziehen. Er hat mit den Sündern geredet, gegessen, er hat sie vor dem Tod bewahrt um sie retten zu können und ihnen sagen zu können: "Geh und sündige von nun an nicht mehr."
Egal ob die ehelos schwangere (Ha! Das wäre Maria ohne Josefs Liebe und Gehorsam auch gewesen!), egal ob die Frau, die abgetrieben hat, egal was sonst - wir müssen uns auch um das geborene Leben kümmern, um die Menschen, die Hilfe brauchen um ihren Fehler selber zu erkennen und umzukehren, nicht moralisierend mit dem erhobenen Zeigefinger, nicht herabblickend auf die schmutzigen Sünder sondern liebevoll tragend und stützend.
Wer, wenn nicht wir, ist da für einen verurteilten, von allen verspotteten und zur Schau gestellten Verbrecher der unter seinem Kreuz zusammenbricht?

Matthias

Imrahil hat gesagt…

Dem habe ich ja gar nicht widersprochen. Das einzige, worauf ich zumindest in meinen privaten Gedanken bestehe, ist die Unterscheidung von Fehlformen der Religiosität einerseits (die gibt es), und Fehlhaltungen von religiösen Menschen außerhalb ihrer Religiosität (und auch die gibt es). Es mag unklug sein, da öffentlich darauf herumzureiten, es mag klüger sein, sich stattdessen immer pauschal zu entschuldigen (ist es das?), aber wenigstens in Gedanken möchte ich diese Unterscheidung vollziehen.

Ich hatte übrigens einen konkreten Fall vor Augen und habe - Lord, make me worthy of my ancestors - von meinem Ururgroßvater und meiner Ururgroßmutter gesprochen. (Die haben nicht einander geheiratet, sondern sind eine Generation später verwandt geworden...)

Einer Sache möchte ich jetzt aber doch widersprechen:
"Wir sollen nicht menschlich sein."
Doch.