Samstag, 9. April 2011

Quo vadis, Ländle?

Schon am 28. März schrieb Jan Fleischhauer im SpOn die gruselige Baden-Württemberg-Zukunftsvision
    Willkommen im Land des Regenbogens
Fleischhauer ist Autor des Buches "Unter Linken - Von einem, der aus Versehen konservativ wurde". Daher ist sein Kommentar zur BW-Wahl natürlich gefärbt oder hat ein "Gschmäckle", wie man in einigen Gegenden des Bundeslandes sagt. Dennoch ist die Lektüre alleine schon deswegen lohnend, weil man nun darauf schielen kann, ob alles so kommt, wie befürchtet:
    Mit der Übernahme der Staatskanzlei werden sich die neuen Machthaber zügig an den Umbau der [sic] Bildungssystems machen, das dem Land bei jedem Pisa-Vergleich einen internationalen Spitzenplatz bescherte. An die Stelle des dreigliedrigen Schulsystems tritt eine zehnjährige "Basisschule", weil auch die Grünen von den Segnungen des gemeinsamen Lernens überzeugt sind.

    Nach den Erfahrungen mit dieser Art von Schulexperiment zu urteilen, wird sich Baden-Württemberg schon bald im Bildungskeller wiederfinden, an der Seite von Berlin, Bremen und dem armen Brandenburg. Das ist dann freilich nicht nur für das Stuttgarter Bürgertum eine betrübliche Nachricht: Von der Innovationskraft und Anstrengungskultur im Süden der Republik lebt das ganze Land, wie der Blick in jeden Länderfinanzausgleich zeigt. Diese Folgen des Wahlsonntags teilen wir dann alle, ob wir mitgestimmt haben oder nicht.
Wollen mal sehen. Baden-Württemberg jedenfalls ist vom Daimler-Ländle zur Toyota-Zone mutiert: "Nichts ist unmöglich".

Fleischhauers Einschätzung der Ursachen des "Bürgeraufruhrs" gehen schon grob in die Richtung, aus der ich selbst schon den ein oder anderen Duft vernommen zu haben glaube:
    Der Politiksentimentalismus, bei dem Bäume umarmt und Rindenkäfer gezählt werden, macht auch vor dem braven Bürger nicht halt - jedenfalls, wenn es ihm über Jahrzehnte verlässlich gut geht. Schon die Aufwertung der Straße zu einer Art Spontanplenum, auf dem sich, abseits der Wahlurne, der eigentliche Volkswille artikuliert, ist eine urlinke Idee. Jede Demonstration lebt seit 1968 von dem Gedanken, dass ein paar tausend Menschen, die selbstgemalte Schilder hochhalten und mehr oder minder geschickt gereimte Verse vortragen, ernster zu nehmen sind als parlamentarische Mehrheiten.

    Die Basis des Bürgeraufruhrs, der nun die Grünen an die Macht gebracht hat, bildet nicht gesellschaftlicher Reformwille, sondern Langeweile. Es ist kein Zufall, dass sich unter den Stuttgart-21-Aktivisten neben Studenten und Rentnern, die eh' nicht so recht wohin mit ihrer Zeit wissen, in erstaunlicher Anzahl die 45-jährige Hausfrau aus der Villa mit Hanglage einfand, um kurz vor den Wechseljahren noch einmal die Aufregung der Aufruhrs zu spüren. Kaum etwas ist ja erregender als die Wonnen der Unangepasstheit, das machte schon immer die besondere Verführungskraft der linken Ideenwelt aus.
Um entsetzt aufrufenden Kommentaren vorzubeugen: Ich persönlich will damit NICHT andeuten, daß es bei den Demos AUSSCHLIESSLICH gelangweilte Studenten oder Rentner oder 45-jährige Hausfrauen aus Villen mit Hanglage gab. Ich will aber ebensowenig sagen, daß Fleischhauers Einschätzung total aus der Luft gegriffen ist.

[HT an Johannes, über dessen Blog ich damals auf den Kommentar stieß]

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Der ist aber optimistisch, was die Gestaltungskraft von Politik angeht. Wie wenig Politik wirklich gestalten kann, sehen wir ja ständig. Merkel bringt nicht mehr auf die Beine wie weiland Schröder. Da sind viel zu viele real existierende Sachzwänge, die ein wirklich gestaltendes Agieren einbremsen. Insofern werden auch den Grünen in BaWü nicht die Bäume in den Himmel wachsen. Viele der Erwartungen ihrer Anhänger und Befürchtungen ihrer Gegner werden sie nicht erfüllen können. Es wird also nicht einmal besonders heiß gekocht werden - und gegessen wird noch lauer. Wie immer eben.