Donnerstag, 7. April 2011

Mein Problem mit der Radikalkritik

Durch den Kommentar eines Lesers bin ich auf folgende Internetseite aufmerksam gemacht worden: Der evangelische Pastor Hermann Detering schreibt auf Radikalkritik - de omnibus dubitandum:
    Das Bild des Gekreuzigten berührt mich, weil es schlicht wahr ist, nicht im historischen, sondern im menschlichen Sinn: als Symbol meiner/unserer (von Gott auch im Leid getragenen) Existenz. Die "Wahrheit" dieses Bildes hängt nicht davon ab, ob die Ereignisse um 30 tatsächlich als historische stattgefunden haben oder nicht - so wenig wie die "Wahrheit" von Goethes "Faust" davon abhängt, ob es eine Person dieses Namens gegeben hat. Die Forderung, das Bild müsse von mir auch als historisches Faktum "geglaubt" werden, führt vielmehr dazu, dass ein Zwischenglaube eingeschaltet wird, der mit dem eigentlichen, d.h. dem existentiellen Inhalt des Glaubens, nichts zu tun hat und sogar dazu angetan ist, diesen, weil historisch umstritten, kollabieren zu lassen, d.h. Unglauben zu erzeugen. Das Insistieren der Kirchen darauf, sich der vermeintlichen Historizität der von ihr verkündigten Botschaft zu unterwerfen, kann schlimmstenfalls sogar die Annahme der darin enthaltenen existentiellen Wahrheiten verhindern. Ich erinnere an den bekannten Vers von Angelus Silesius:

    Wird Christus tausendmahl zu Bethlehem gebohrn /
    Und nicht in dir; du bleibst noch Ewiglich verlohrn.
Meine Probleme und Fragen: Wenn die Wahrheit der für unser Heil ausschlaggebenden "Bilder" nicht davon abhängt, ob sich ein bestimmtes Ereignis zugetragen hat oder nicht, bleiben dennoch zwei Möglichkeiten: Das Ereignis hat sich so zugetragen oder es hat sich nicht so zugetragen. Die Wahrheit des durch das Ereignis vermittelten Bildes und der in diesem Bild enthaltenen Botschaft hängt eben nur nicht mehr davon ab, ob es sich zugetragen hat.

Wenn die Wahrheit gilt, egal, ob das Ereignis sich zugetragen hat oder nicht, und dennoch Energie aufgebracht wird, zu zeigen, daß es sich nicht zugetragen hat, stellt sich die Frage: Warum? Es berührt die Wahrheit doch augenscheinlich nicht, da sie nicht davon abhängt.

Der Grund hier ist, daß ein Insistieren auf die zu glaubende historische Wahrheit einen "Zwischenglauben" einschiebt, der mit dem "eigentlichen" Glauben nichts zu tun hat, ihn schlimmstenfalls sogar in Unglauben zusammenfallen lassen kann.

Die historische Kritik an der Geschichte des frühen Christentums wirft die Frage auf: Wenn die überlieferten Ereignisse als unhistorisch eingestuft werden, woher kommt das Wissen um und der Glaube an Christus? Von einem Wanderprediger, der sich Jesus nannte, aber mit dem "historischen" Jesus nicht viel zu tun hatte? Von mystisch potenten Individuen, die aus einer tiefen, geistgeschenkten Einsicht in die Dinge Wegweiser zum Heil formulierten und sie verständlich in einer Geschichte komprimierten, in der sich alles um einen Charakter namens Jesus dreht?

Wenn die Bilder, die die Bibel erzeugt, nur Symbole sind für unsere von einem Gott getragene Existenz, wer ist auf diese Symbole gestoßen und hat sie aufgestellt? Ein Symbol ist ein Zeichen. Ein Zeichen ist eine Realität, die, wenn wahrgenommen, auf eine andere Realität hinweist. Zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten besteht eine Beziehung. Diese ist aber nur erkennbar, wenn das Zeichen im Empfänger des Zeichens eine Vorstellung von dem Bezeichneten schafft. Das Wort "Onomatopoetik" wird ohne weitere Erläuterungen bei einem Vierjährigen ebensowenig eine Vorstellung auslösen, wie das Photo eines SUVs beim Mitglied eines südamerikanischen Indiostammes, der von der Außenwelt abgeschnitten lebt.

Wenn es nun nicht der historische Jesus war, der in der menschlichen Seele die Vorstellung von einem Gott, der unsere Sünden auf sich genommen hat und uns trägt und liebt und retten möchte, erzeugt, dann muß diese Vorstellung in menschlichen Seelen zeitlich vor der "Verkündigung/Erfindung" dieses Jesus existiert haben und durch das Lehren dieser Menschen anderen Menschen zugänglich gemacht worden sein.

Dann ist also nicht mehr der historische Gottmensch Jesus selbst derjenige, der sich um unseres Heiles Willen der Menschheit offenbart hat, sondern es ist die menschliche Vorstellung von einem uns in unserer Existenz tragenden Gott, die in überlieferten Geschichten geoffenbart wurde.

Wenn der Mensch nicht als inspirierter Überlieferer bestimmte historische Offenbarungs-Ereignisse als Gottes Wort in menschlicher Sprache festhält, sondern selbst durch Einsichten in die eigene Existenz und die Notwendigkeit eines uns tragenden Gottes zum Offenbarungsträger wird, wer bestimmt dann, welche Menschen authentisch offenbaren und welche nicht?

Und wenn diese Fragen sich stellen, wieso ist es dann ausgerechnet das Insistieren auf den historischen Jesus, welches das Potential birgt, Unglauben zu erzeugen?

Und: Wenn das Bild des Gekreuzigten "berührt, weil es schlicht wahr ist, nicht im historischen, sondern im menschlichen Sinn: als Symbol meiner/unserer (von Gott auch im Leid getragenen) Existenz", dann nimmt die Historizität des Ereignisses nichts von dessen Menschlichkeit. Im Gegenteil: Wenn wir uns nicht nur vom Bild des Gekreuzigten berühren lassen, sondern - glaubend, daß er so lebte, starb und auferstand, wie es unsere Heilige Schrift berichtet - auf eine tiefe, unsere Existenz durchrüttelnde Art vom Gekreuzigten selbst, erfährt dann das Getragen-Sein nicht eine ganz andere, weitere Dimension?

Ein letztes Wort zu den Versen von Angelus Silesius: Das kann ja nur auf eine katholische "sowohl... als auch..."-Art gemeint sein und nicht auf eine kritische "entweder... oder..."-Art. Denn wäre Jesus nicht in Bethlehem geboren, gäbe es ihn auch nicht in den Herzen der Menschen. Beides ist nötig: Der historische Jesus und unsere Offenheit für die Gnade.

Ich kann jetzt natürlich nur ganz platt und einseitig von meiner eigenen Position aus fragen und schreiben, aber ich wollte meine paar Groschen an Gedanken trotzdem in den Ring werfen.

Kommentare:

Imrahil hat gesagt…

1. Wenn einer sagt, daß Goethes Faust wahr ist - tut das eigentlich jemand? - dann kann er allenfalls die in ihm vorgetragenen Ideen meinen. [Nebenbei: Ich halte den Faust übrigens für Goethes Streitschrift gegen Immanuel Kant. "Habe nun ach etc. etc. und sehe nun daß wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen!"]

2. Der Tod Jesu Christi am Kreuz ist nicht umstritten. Wer ihn leugnet, muß nämlich historisch ein bißchen blöd sein. Und umgekehrt würde sich die Kirche vielmehr gänzlich unglaubwürdig machen, wenn sie das in ein diffuses Wischiwaschi abdriften lassen würde.

3. Übrigens ist es mir gelinde gesagt unverständlich, wie man auf die Idee kommen kann, das Kreuz wäre auch ohne die Erlösungstat unseres in Heilandes, er sei gepriesen in Ewigkeit Amen, ein geeignetes Sinnbild menschlicher Existenz.

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Zunächst mal ein bißchen vom Leder gezogen: Wenn das alles nur Bilder sind, ist da natürlich auch nichts zu widerlegen. Wunderbarer Ansatz, sich jeglicher Kritik zu entziehen. Bleibt nur die Frage, warum es Paulus dann so wichtig war, daß Christus auferstanden ist, weil unser Glaube leer sei, wenn er es nicht wäre...

Aber um auch mal was Substantielleres beizutragen: Der jüdische Glaube unterschied sich -- wie gerade die historisch-kritische Exegese immer wieder herausgearbeitet hat -- von den ihn umgebenden Religionen weniger durch spezifische Inhalte als durch eine konkret-historische Erinnerungskultur: Die Erinnerung an die konkrete, auch gemeinschaftstiftende Erfahrung des Wirkens Gottes (und auch die Erfahrung, daß ein Abwenden von Gott die Gemeinschaft zerstört). Und dabei ging es nicht um immer wiederkehrende Erlebnisse wie den Frühling nach dem Winter oder andere zyklische Elemente, sondern um historische Singularitäten -- Abraham, Isaak, Jakob, Auszug aus Ägypten, Landnahme, Rettung in der Bedrängnis durch die Richter usw. usf. Dadurch ist überhaupt erst geschichtliches Denken möglich geworden, und eines der größten Schwierigkeiten beim Übergang des Christentums in den griechisch-römischen Kulturkreis war dessen geschichtliche Konkretheit. Also lange Rede kurzer Sinn: Warum sollte ausgerechnet ein Glaube, der dermaßen durch konkrete geschichtliche Erfahrungen entstanden und geprägt ist, an der Stelle, wo er den Verheißungsüberschuß der historischen Erfahrungen als erfüllt verkündet, plötzlich in eine ihm eigentlich wesensfremde symbolische Unzeitlichkeit wechseln?

Johannes hat gesagt…

Ein Offenbarungsreligion ohne Offenbarung ist ein rein innerspsychischer Zustand, den man dann auch mit ein paar Pillen (empfehlenswert wäre Fluoxetin) ohne weiteres behandeln könnte. Und als Johannes Scheffler seinen Angelus silesius schrieb, lag die Entdeckung der historisch-kritischen Methode, wie auch die Geburt von Sigmund Freud noch in weiter Ferne.

Akatair hat gesagt…

Und außerdem stammt dieser vielzitierte Satz original nicht von Angelus Silesius sondern man findet ihn in den Schriften des heiligen Augustinus.

Angelus Silesius hat hier selbst nur ein Zitat aufgegriffen.