Samstag, 29. Januar 2011

Disciples!

Auf den katholischen US-Blogs wird momentan ein Thema groß behandelt.

Mark Shea postete zu Beginn der Woche einen Leser-Beitrag zu einem Buch mit dem Titel "Almost Christianity". Geschrieben wurde das Buch von Kenda Creasy Dean, einer Methodistin, die an einer Studie mit dem Titel National Survey of Youth and Religion (NSYR) mitarbeitete. Diese Studie formulierte das Konzept des Moralistic Therapeutic Deism (MTD). MTD ist der Begriff, der am besten den gemeinsamen religiösen Standpunkt US-amerikanischer Jugendlicher beschreibt.

In dem Buch "Almost Christianity" schreibt Cready Dean unter anderem, daß - verglichen mit Mormonen und mit Protestanten diverser Färbung - es dem Katholizisum am wenigsten gelingt, die Teenager im Glauben zu unterrichten und im Glauben zu halten.

Die sich aufdrängende Frage "Warum?" des Lesers richtete sich an Sherry Wendell vom Catherine of Siena Institute, die auch am nächsten Tag bei Mark Shea antwortete. Ihre Antwort läßt sich grob so zusammenfassen [ÜS meine]:
    Der kulturelle Katholizismus in den USA ist mausetot.

    Im Westen des 21. Jahrhunderts hat Gott keine Enkel mehr.

    Wenn wir nicht die Unsren evangelisieren, wird es jemand anders tun.

    Wir müssen für neue Jünger sorgen!

Fr. Longenecker nahm den Ball auf und kickte ihn ein wenig durch's Arbeitszimmer, bis er bei Fr. Z. landete. Die beiden Priester sind sich größtenteils einig [ÜS meine]:
    Was ist der Grund für diese desaströse Statistik? Im Grunde genommen haben Katholiken während der vergangenen 40 Jahre ihren Kindern den Katholizismus nicht beigebracht. Sie haben ihnen "Amerikanischen Katholizismus" beigebracht, was eine verwässerte Mischung von Sentimentalismus, politischer Korrektheit, Gemeinschaftsaktivität und Utilitarianismus ist. Anders ausgedrückt: "Im Katholizismus geht es darum, daß du dich mit dir selbst gut fühlst, daß du anderen gegenüber gerecht bist und daß du versuchst, die Welt zu verändern". Die nächste Generation ist dann zu dem einleuchtenden Schluß gekommen, daß man nicht die Messe besuchen muß, um all dies zu erreichen. Man kann sich viel effektiver mit sich selbst gut fühlen, wenn man ein gutes Buch aus dem Selbsthilfe-Regal nimmt oder wenn man ein Persönlichkeits-Entwicklungs-Seminar besucht. Man kann mithelfen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, ohne in die Kirche zu gehen.

    Die Lösung ist einfach [Sagt Fr. Longenekcer; Fr. Z. setzt ein Fragezeichen]: Wir müssen zu den übernatürlichen Realitäten des historischen Glaubens zurükkehren und missionieren, wie es einst die Apostel taten. Der große Unterschied ist, daß die Apostel wußten, daß sie zu Heiden sprachen und die Heiden wußten, daß sie keine Christen waren. Wir haben es mit einer riesigen Menge von Amerikanern zu tun (Katholiken und Protestanten), die Heiden sind, aber sich für gute Christen halten.

An dieser Stelle sprang Sherry wieder ein und wunderte sich, daß ihre starke Betonung des "Macht Jünger!" in den Kommentaren so geringen Wiederhall fand. Sie postete einen Kommentar, den sie unter ihrem Shea-Beitrag fand. Die Verfasserin dieses Kommentares hat erkannt, daß man Jünger nicht zu anderen Jüngern schickt, sondern zu Menschen, die der Kirche und dem Glauben fern stehen. Bestimmte innerkirchliche Zankereien - so essentiell und identitätsstiftend sie auch für diejenigen sein mögen, die dort die großen Worte führen - müssen diesen der Kirche fernstehenden Leuten bestenfalls undurchsichtig, schlimmstenfalls lächerlich vorkommen. Der entscheidende Auszug:
    Ich wünschte, ich könnte beschreiben, wie ernüchternd und lächerlich dies alles von außen betrachtet wirkt und wie viel davon für jemanden wie mich, der nicht seit Jahren diesem Zeug schon ausgesetzt ist, wirklich keinen Sinn ergibt. Wenn du auf dem Gebiet kirchlicher Kultur oder liturgischer Fragen oder kontroverser Lehre effektiver "missionieren" oder inniger verteidigen kannst als auf dem Gebiet des Reiches Gottes, was soll dann ein Außenstehender als das erkennen, was dir wichtiger ist? Ich habe damals [vor ihrer Konversion] buchstäblich gedacht, daß die Katholiken, die ich kennenlernte, nur nette Leute waren, die Musik und gute Taten mochten aber nicht sehr an Gott glaubten, denn immer, wenn ich versuchte, darüber zu berichten, wie sehr ich mich in Gott verliebte, änderten sie das Thema und sprachen über Musik oder gute Taten.

Soviel aus Amerika. Was sollen nun wir Europäer oder wir Deutschen oder wir Österreicher dazu sagen? Daß wir wieder missionieren und evangelisieren und Jünger schaffen müssen, ist klar.

Doch wie läßt sich dies innerhalb der Katholischen Kirche bewerkstelligen?

Ein Rundbrief an alle innerkirchlichen Fraktionen, in dem darum gebeten wird, erst einmal die Waffen wegzustecken, die Mainstream-Medien nicht mit weiteren Forderungen zu füttern, das Ego nicht über das Gemeinwohl zu stellen, das "Was würde Christus dazu sagen" den Profis zu überlassen, um unter der Anleitung des Papstes und des Magisteriums zu demonstrieren, daß es um Christus und das Seelenheil geht? ⇒ Modell A: "Wir geben hier und da ein wenig nach und präsentieren gemeinsam den einen Christus, so daß der Suchende nur noch zugreifen muß."

Oder einfach weitermachen wie bisher und schauen, wer letztlich die Quote schafft: Die alles ständig erneuernden Revolutionäre mit ihren plakativen, zeitgeißtkonformen und gut verdaulichen Forderungen oder die konservativen Papst-Fans, die sich auf eine Jahrhunderte alte Tradition und das Lehramt berufen können? ⇒ Modell B: "Wir bleiben unseren Standpunkten treu und präsentieren getrennt voneinander multiple Christi, so daß der Suchende schon ein wenig Gnade und Urteilsvermögen mitbringen muß, wenn er den Richtigen erwischen will."
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P.S.: Ja, der "Richtige" ist der, zu dem die Katholische Kirche unter Leitung des Papstes und des Magisteriums mir den Weg weist. Wenn sich ein Katholik daran stört, dann stehen wir schon mitten im Dilemma. Wenn sich ein Nicht-Katholik daran stört: Nichts für ungut. Aber ich bin zu alt und habe noch zu viel vor, als daß ich es mir leisten könnte, mich oder die Kirche diesbezüglich immer noch zu hinterfragen.

Kommentare:

Marcus, der mit dem C hat gesagt…

Das Problem jeder Maßnahme gegen diesen Glaubensschwund sind meines Erachtens in einigen Fällen diejenigen, die vom Kirchenrecht her wie keine andere Gruppe dazu berufen sind zu lehren und die Lehre der Kirche rein zu halten, die Bischöfe.

Wenn man sich die verbalen Klimmzüge zB eines Vorsitzenden der Bischofskonferenz anhört, wie das "Solidaritätsopfer", weil er das "Sühneopfer" so nicht mehr nennen mag in der heutigen Zeit, braucht man sich nicht mehr zu wundern. Anstatt daß die Botschaft vermittelt wird und man auf Anhieb nicht verständliche Phrasen erläutert, versucht man immer neue Wortkonstrukte zu finden, die wohlgefällig klingen aber immer mehr an Wortgehalt verlieren. Ähnlich in der Liturgie, anstatt mystagogische Katechese setzt man auf massive Simplifizierung der Riten, mit dem Effekt, daß manche Kleinkinder nun schon sagen, diesen "Kinderkram" mache ich nicht mehr mit.

Einem Außen- oder Fernstehenden wird doch die Erkenntnis regelrecht aufgezwungen, daß wir gar keine Frohe Botschaft haben, wenn wir uns so massiv streiten müssen unter den Amtsträgern und freiwilligen Missionaren, welche theologischen Phrasen denn nun statthaft sind und welche als angstmachend, nicht gendergerecht etc abzulehnen sind.

Wenn die ranghöchsten Vertreter der deutschen Kirche im Verein mit dem damaligen Präsidenten des Einheitsrates alleine den Gedanken an eine Mission von Juden verneinen, die als "ältere Brüder im Glauben" gemäß Apostelgeschichte noch vor den Heiden zum Christentum bekehrt wurden, dann würde ein Unternehmensberater sagen: "ihre Corporate Identity ist im Ar***, wenn Sie nicht mal Ihre eigenen Leute davon überzeugen können".

Ja, den Juden und den nichtkatholichen Mitchristen ist selbstverständlich Respekt entgegenzubringen, da sie als solche auf der Suche nach Gott sind. Doch müssen wir an dem Wahrheitsanspruch unseres Glaubens festhalten, denn ohne ihn wäre der Katholizismus kein Glaube, sondern nur eine menschenerwählte Wellness-Esoterik christlicher Färbung.

Oder in einem Gleichnis ausgedrückt: Ein Wolf, dem ich das Fell weißfärbe, wird dadurch nicht zum Schaf. Jesus Christus ist nicht zum Heiland am Kreuz geworden, damit wir uns auf Erden gutfühlen, sondern damit uns der Himmel offensteht.

Mcp hat gesagt…

Ich stimme Marcus zu.

Lauda Sion hat gesagt…

Modell B- die nötige Gnade gibt Gott