Donnerstag, 30. Dezember 2010

Autsch!

    Bolz: Mein Verdacht ist, dass auch die katholische Kirche zunehmend so eine Art populistische Schaufront produzieren wird, an der die Menschen ihre Gefühle abreagieren können und mit ihren Partizipationssehnsüchten unterkommen.

    Stallknecht: Wenn die deutschen Bischöfe kürzlich eine Dialoginitiative ins Leben gerufen haben?

    Bolz: Das klingt schlimm.

    Stallknecht: - ist das eine solche Schaufront?

    Bolz: Exakt. Die katholische Kirche sollte eigentlich genug intelligente Leute in ihren Reihen haben, die schon zusammenzucken, wenn das Wort “Dialog” fällt. Dialog ist meist die Ankündigung dessen, was Harry Frankfurt, der große amerikanische Philosoph, unlängst einfach “bullshit” genannt hat. Diese Erfahrung hat doch wahrscheinlich jeder von uns schon gemacht.
Aus: “Freiheit risikieren”. Ein Gespräch mit dem Medientheoretiker Norbert Bolz über den Umgang mit der öffentlichen Meinung. Von Michael Stallknecht. Erschienen in der Tagespost vom 23. Dezember 2010.

[Quelle: kath.info, 30. Dezember]

7 Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Eigentlich mein Reden. Aber wer hört schon auf mich?

Yon hat gesagt…

Hat mich da grade jemand intelligent genannt, oder muss man das gar nicht mehr sein, um bei "Dialog" zusammenzuzucken?

Florianus hat gesagt…

wie heisst es so schön in Bolz wikipedia-Artikel (zum Link s.a. scipios blogeintrag)?

Dialog der Kulturen: Maske der geistigen Kapitulation vor fremden Kulturen ...

siehe auch http://www.kath.net/detail.php?id=20156

Josef Bordat hat gesagt…

Norbert Bolz war Vorsitzender im Rigorosum meines Promotionsverfahrens. Er hat mir keine Zusatzfragen gestellt. Seitdem ist er mit sympathisch... Obwohl mir sein Stil manchmal etwas sehr entschieden vorkommt und ich seine (konsum-)liberalistische Position nicht in allen Punkten teile und er manchmal zu sehr eigensinnigen Schlussfolgerungen kommt, steht er doch auch für blitzgescheite Einsichten wie diese (gleiche Zeitung, gleicher Interviewer, 22.5.2010):

"Zölibat ist Askese, und Askese ist etwas, das für unsere Gesellschaft unerträglich ist, das absolut Nicht-Säkularisierbare. Es gibt zwar alle möglichen Formen von Konsum und Befriedigung, aber Askese, also der freiwillige Verzicht auf Möglichkeiten, ist für die offizielle Selbstbeschreibung einer säkularen bürgerlichen Gesellschaft ein Skandal. Die Leute wittern, dass hinter der Askese Macht steckt, und das reizt sie bis aufs Blut."

Nun also dies: Dialog ist "Bullshit". Das kann ich so nicht unterschreiben, kann aber verstehen, wie ein systematisch missdeuteter Dialogbegriff zu so einer Position führen konnte. Ich halte echten Dialog als am anderen Menschen interessierte und orientierte Beziehungsform, also gewissermaßen als gesellschaftliches Pendent zum an der Sache interessierten und orientierten wissenschaftlichen Diskurs, für unverzichtbar, allerdings mit klaren Abbruchbedingungen. Ich habe damit ganz gute Erfahrungen gemacht, zumal ich erkennen konnte, dass über personale Beziehungen oft ganz andere Einsichten möglich werden als über rein sachliche Auseinandersetzungen.

Norbert Bolz ist in jedem Fall einer der anregendsten Denker unserer Tage. Zumindest an der TU Berlin.

JoBo

Alipius hat gesagt…

@ Josef Bordat: Ich finde auch, daß Dialog wichtig ist. Ich finde ebenfalls, daß der Dialogbegriff ein wenig schwammig geworden ist. Ein großes Problem, welches ich sehe, ist der Relativismus: Einerseits ist nichts wahr (bzw darf nichts wahr sein), andererseits gilt es in einem Dialog eher häufig als nie, eine Wahrheit mitzuteilen. Diese wird - weil ja nichts wahr ist bzw es keine Wahrheit gibt - dann eben nur als "Meinung" verkauft, die man erst einmal unverbindlich in den Raum stellt, aber über die man dann trotzdem verbissen streitet.

Josef Bordat hat gesagt…

Ja, Alipius. Zum Dialog gehört ein Respekt, der die andere Position ernst nimmt. Oder zumindest - wie Jan Philipp Fürchtegott (hic nomen non est omen) Reemtsma meint - den Ernst, mit dem der Andere seine Position vertritt, ernst nimmt.

Ein gutes Beispiel für einen gelungenen interkulturellen Dialog ist für mich das Akademie-Gespräch, dass Ratzinger und Habermas 2004 in München führten. Beide mit klaren Vorstellungen, beide mit Respekt voreinander und vor der Position des Anderen, beide bereit, Aspekte dieser Position für die eigene zu bedenken. Trotz allem, ohne die eigene Position aufzugeben oder ihre Bedeutung für unsere Gesellschaft in Frage zu stellen (für Ratzinger das Christentum als universalistisch verstandene Wahrheit, für Habermas der Diskurs als Forum zur Aushandlung relativistischer Konventionen, wobei die kommunikative Methode selbst als "wahr" angenommen wird, ohne es so zu nennen; genau das, was sie beschreiben, Alipius).

Zum Thema Wahrheit ein Hinweis auf einen m.M.n. sehr klugen Gedanken Robert Spaemanns (erste Antwort im Interview):
http://kath.net/detail.php?id=29529

Ihnen einen "Guten Rosch!" und ein gutes Jahr 2011!

Ihr
Josef Bordat

Imrahil hat gesagt…

Wobei daß Askese gänzlich unsäkularisierbar ist, stimmt so auch nicht.

Wenn man ein paar Bier genießt, genießt man auch diejenigen zwölf Halbe, die man am gleichen Abend eben nicht trinkt. Ohne freiwilligen Verzicht auf Möglichkeiten kein Genuß, denn solange der Mensch nicht weiß, daß er mit dem nächsten Bier einen Rausch hat (was dann, auch wenn er jetzt den Rausch noch nicht hat, sicherlich schon kein Genuß mehr ist), wäre das jeweils nächste Bier theoretisch noch möglich.

Aber gut, genießen soll ja auch eine katholische Spezialität sein. Vielleicht deswegen.