Freitag, 3. September 2010

Recycling

Anläßlich dieses Artikels von George Weigel zum Papstbesuch in England, den ich über Giovanni fand, koche ich hier noch mal einen anderthalb Jahre alten am römsten-Artikel auf:

Ante Portas

Immer wieder hört man von "Geschichtsbewußtsein" und "Aus den Fehlern der Vergangenheit lernen". Schön und gut.

Eines der beinahe ehernen Gesetze der Geschichte ist, daß bei Reibereien zwischen einer hoch entwickelten, hedonistischen, egoistischen, materialistischen, dekadenten Gesellschaft und den an ihren Toren stehenden Barbaren Erstere immer den Kürzeren zieht.

Die Liste der Errungenschaften des Westens im kulturellen, politischen und intellektuellen Bereich ist lang. Die Liste der vom Westen verdrehten, verratenen oder herabgesetzten Errungenschaften in diesen Bereichen wird bald eine vergleichbare Länge haben. Und wer soll die praktischen Errungenschaften in Technologie, Industrie oder Medizin stabil halten, wenn die geistigen oder intellektuellen oder spekulativen Errungenschaften am Boden liegen oder ganz ausbleiben?

Physischer Verfall ist die Konsequenz von moralischen Verfall. Juvenals "mens sana in corpore sano" funktioniert natürlich in beide Richtungen. Ein verdrehter, korrumpierter Verstand reißt den Leib mit in den Abgrund.

Europa ist eine herumstolpernde Gigantin geworden, niedergehalten vom Gewicht, welches sie in guter Absicht selbst schuf und an die Massen aushändigte und welches ihr nun in der Form nie wieder abreißender Forderungen, Beschwerden und Mahnereien von Individuen und Organisationen um den Hals gehängt wurde.

Der Tasache, daß Europa heute - wenn sie will - in allem außer im Glauben an sich selbst erfolgreich sein kann, steht eine andere Tatsache gegenüber: Der Islam ist ausschließlich im Glauben an sich selbst erfolgreich. Minderwertigkeitskomplexe und Größenwahn sind beide unschön. Doch wenn sie aufeinandertreffen, wer wird danach noch stehen? Der Zwerg, der glaubt, einen Riesen erledigen zu können, oder der Riese, der nicht einmal wagt sich die Schuhe zuzubinden, weil darauf grade ein Paar seltener Schnee-Eulen nistet oder weil die Schleife für eine im 13. Jahrhundert verfolgte religiöse Splittergruppe ein Symbol der Unterdrückung darstellt?

Leider bedeutet das Lernen aus der Vergangenheit in Europa nichts weiter als Rücksichtnahme auf jede individuell vorbgebrachte Forderung oder Beschwerde, die entweder durch ein plakativ angeheftetes Schreckensbild vergangener Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, oder durch ein emotional aufgeladenes Rührstückchen Schubkraft erhält. Der sachliche Rückblick auf die Entwicklungskurve von Zivilisationen bleibt aus.

Wie Benedikt XVI in seinem Brief an die Bischöfe schrieb:
    "Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, daß Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und daß mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen."
Wir sollten uns nichts vormachen: Es ist der Glaube an den einen Gott, der in unserer Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg das vereinende Prinzip darstellte; Kriege, Revolutionen, Reformationen, Familienkrachs und Ladendiebstähle hin oder her. Was auch immer geschah, Europa stellte sich danach wieder auf die Beine, weil sie nicht vergaß, an wen sie ihre Bitten zu richten hatte, wer ihr Kraft gab. Doch jetzt, wo die "Großen" Europas sich seit Jahrzehnten darüber freuen, daß innerhalb ihrer Grenzen die Kriegsmaschinen schweigen, und darüberhinaus ihre Kinder durch einen ein halbes Jahrhundert andauernden Vergnügungs-, Kauf- und Selbstverwirklichungsrausch zu braven, leisen Konsumenten wurden, denen man bei Aufmuckerscheinungen nur das nächste neue Spielzeug (z.B. sexuelle "Befreiung", Müll-Fernsehen, Gender Mainstreaming, Political Correctness, 2 Wochen Malle, iPod, in den Medien aufgeblähter Promi-Tratsch etc) hinwirft, scheint ihnen diese Ruhe so lieb, daß auch das Schweigen in den Kirchen und den Krippen eher wünschenswert als beängstigend erscheint.

Auch Europa ist nicht allmächtig. Wenn sie die Hand abhackt, die sie füttert, wird ihr Leichnam eines Tages selbst zum Fraße.

7 Kommentare:

Michael hat gesagt…

Kleine Klugscheißerei zum Juvenal:

Das ist schon das, was er meinte. Er machte sich nämlich über die Sportler seiner Zeit lustig, denen die mens sana seiner Ansicht nach fehlte.

Noch ein kleiner Nachtrag zum "and with your spirit" - wie wichtig ist der "Geist" und was ist eigentlich konkret damit gemeint (Seele?), so dass "and also with you" nicht länger verwendet wird / werden soll?

Alipius hat gesagt…

@ Michael: Grundsätzlich geht es darum, daß das lateinische Original des Missale Romanum in den Übersetzungen erhalten bleiben soll. Wenn man einmal mit freien Übersetzungen anfängt, dann schleichen sich plötzlich auch Sinnänderungen ein, wenn aus den einleitenden Texten zu den Lesungen vorgetragen wird und der Priester z.B. ein "Jesus fordert uns auf..." in ein "Jesus lädt uns ein..." umwandelt. Das klingt zwar "netter" aber auch unverbindicher. Und grade eifrige Bibelleser und Christen sollten ja wissen, was passiert, wenn man der Einladung des Königs nicht nachkommt.

Was den Geist betrifft, so macht dieser viel deutlicher, worum es bei der Messe geht: Eben nicht um den Priester ("And also with you"), sondern um sein Amt ("And with your spirit").

Le Penseur hat gesagt…

@Alipius:

Auch wenn ich nicht jedem einzelnen kleinen Detail Ihrer Bestandsaufnahme vollinhaltlich zustimme (was Sie nicht verwundern wird) — aber das von Ihnen gezeichneten Gesamtbild ist (leider!) so treffend gelungen, daß ich nur sagen kann: es sind Artikel wie dieser hier, die man viel häufiger lesen müßte.

Was voraussetzt, daß sie häufiger geschrieben würden. Was voraussetzt, daß sich unsere Medien nicht als systemkonforme Propagandamaschinen verstehen, sondern als Sprachrohre für kritische Information.

Jedenfalls sind es Artikel wie dieser, die auf ich gerne von meinem Blog verlinke! DANKE!

Alipius hat gesagt…

@ Le Penseur: Gerne!

Mcp hat gesagt…

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viel tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die lebenden lassen die toten zurück.

Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frißt,
Daß unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen - die Zahl ist Legion.

O wehe! wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hochwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder!

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.

Alipius hat gesagt…

@ Mcp: Ah, danke für den treffenden Heine-Kommentar!

Lumen Cordium hat gesagt…

So sehe ich das auch - vor allem der letzte Absatz deines Artikels ist einfach klar wie Kloßbrühe - um es mit den Worten von Klößchen zu sagen.